der Weg nach T´blissi

Lange nichts von mir gehört? Ich habe lange kein Tagebuch mehr geschrieben.
Die Zeit ist wie im Fluge vergangen.
Täglich eine Etappe, täglich kleine Schritte, täglich der Wechsel der Landschaft, der Orte.
Aufregend, spannend, bindend, ermüdend…..und auch erfüllend.

Am 20.6 fuhr ich 70 Kilometer von Sestafoni nach Kashuri – durch Imeretien, verlies mein kleines Weingut, hohe Räume wie in einem Herrenhaus, eine gewaltig große, breite Terrasse umschloss die erste Etage, die Hauptwohnfläche des rechteckigen Hauses.
Die Familie baut Weissweine und Rotweine, organische Weine, mit erdigen Tönen, ausgegoren, tiefe Farben,
nach der klassischen imertischen Art, im Qverni, in großen Tonamphoren, die im Boden eingelassen, eingemauert sind, aus.
Ich habe mich dort recht wohl gefühlt.
Ich fuhr über den Rekoti Pass, der mich seit mehreren Tagen beängstigte, vor dem ich mich etwas fürchtete.
Gute 50 Kilometer Anstieg, Prozentzahlen zwischen 3 bis 6 % Steigung im Schnitt, spitze Rampen von 8 Prozent. Es war meine Leistungsgrenze. Vorsorglich habe ich mein Gepäck für diese Etappe einem Auto mitgegeben. Eine Erleichterung, die mir die Aussicht auf eine gut zu fahrende Etappe, dann, versüßte.

Am nächsten Tag ging es nach Gori, 58 Kilometer in den Geburtsort Stalins.
Unspektakulär, aber doch wieder einzigartig. Die Landschaft wurde etwas trockener, leicht hügelig, der Baumbestand ging zurück, für Landwirtschaft gab es aufwendige Bewässerungssysteme. Ich war froh dass es nicht mehr so bergig war.
Stalin wird hier immer noch geehrt. Vor dem überdachten „Elternhaus“, ein riesiges Museum und sein privater Waggon, machte ich, bevor ich meine Pension aufsuchte, noch ein paar Bilder und dachte an das was in diesem Land geschieht.

Stalin, Russland, die CCCP, Unabhängigkeitskriege, Apchasien und Ossetien, abgespalten, autonom, Einflüsse europäischer Erweitungsphantasien, amerikanische Bastion, Klammern an alte Bindungen, Unabhängigkeitswünsche setzen diesem Land, Bindeglied zwischen dem Okzident und dem Orient, Handelsweg, Teil der alten und neuen Seidenstrasse, zu.
Die Massen die täglich hier in Tiflis auf die Straße gehen sind nicht tausende, nur hunderte, es gibt bald mehr Polizei, duzende Fernsehsender, Plakate werden von Schreiberlingen in Serie gefertigt, mit Musik und Popkorn werden die jungen Engagierten, von der Geschichte und Historie Nichtswissenden, von den Hintergründen und Absichten voller Unkenntnis, bei Laune gehalten, geblendet mit Propaganda beschallt, fehlgeleitet. Weltweiter Alltag, heuchlerische diplomatischer Strategie, gefährlicher, völlig unterschätzter, hegemonialer Machtsphantasien. Kleine Wimpel der Nato flattern auf den Zelten einer Handvoll Demonstranten, die vor dem Regierungsgebäude campieren.

Ein weiterer zu beachtender, unumkehrbarer, nachhaltige Akt. Der Bau der neuen Autobahn, Abschnitte zwischen Batumi, Poti und Tiflis, vierspurig, breit, gerade, schnell. Gesehen habe ich ein Teilstück, Vorbereitungen für unzählige Baustellen, neuerrichtete Häuser für Bauarbeiter, die in Kürze kommen werden und in Windeseile eine Straße durch das gewunden Tal, über und durch die Berge, über die Flussläufe, über und durch die Dörfer treiben werden. Chinesen.
Die neue Seidenstraße, Ader der Wirtschaft, ein weiterer Arm, eine weitere Hand die zugreift, sich hineinkrallt, die mit, durch den Bau, das Land zu Verpflichtungen ihnen gegenüber, zwingen wird.

Das am Rande

Mzchtecka am 22.6.2019

Dann am nächsten Tag schon, 62 Kilometer von Gori nach Mzcheta, ein Ort mit einer über 3000 jährigen Geschichte, Zentrum wichtiger Handelsstrassen, der Seidenstrasse, alten Festungen, Religiöses Zentrum, Begräbnisstätte georgischer Könige.
Das war ein toller Tag. Er war anstrengend. Aber wunderbar. Ich glaube es liegt viel daran mit welcher Intention man in den Tag geht. Ruhig, gelassen, entspannt und freudigst gespannt auf das, was auf einen zu kommt, voller Vorfreude und guter Laune. 32° C, fast beständig einen 24 km/h starker Gegenwind und aufkommenden Böen mit 54 km/h, dazu Berge und knochentrockene Steppe, aber alles in allem war es in meinen Augen wunderschön, einsam, verlassen, karg.
Es ging an Steinzeitsiedlungen, Höhlen, Besiedlungen aus grauer, früher Vorzeit, vorbei. Wieder blickte ich auf Spuren frühester, menschlicher Geschichten, Menschheitsgeschichte, Orte, erste Zufluchtsstätten unserer Vorfahren, Geburtsorte, Plätze der Entwicklung. Ex oriente lux.

Es war ein tolles Gefühl durch die golden wirkende Steppe zufahren. Seit über 8000 Jahren streifen schon Menschen über dieses Plateau. Den Platz den sie sich ausgesucht hatten, sicher, erhaben und mit einem Blick über das ganze Tal, war mit bedacht gewählt. Er war sicher, er hatte Weitblick, einen Ausblick auf alles, was auf die frühen Bewohner, zu kam. Ja, heute war ein besonderer Tag.
Ich habe geschwitzt, gelitten und es genossen!
Es war auch einer weiteren Hinsicht ein besonderer Tag- an keinem anderen Tag habe ich so viele andere Fahrradfahrer getroffen wie heute. Es war wunderschön.
https://www.komoot.de/tour/74585888?ref=itd

In Mzcheta, nur 26 Kilometer von T´blissi, Tiflis entfernt, fand ich ein kleines Zimmer, direkt an einer erhöhten, großen Terrasse gelegen, mit freien, imposanten Blick auf die in Ruhe verharrende Kirche, die in warmem Licht eingetauchte Swetizchoweli-Kathedrale. Der Trubel der vielen Touristen verhallte zunehmend, es wurde leiser, Katzen schlichen umher, die gechipten, kastrierten, wilden Hunde legten sich zur Ruhe und ich genoss, an den Tag denkend, eine gute Karaffe, kühlen, trockenen Weisswein.

Seit Sonntag den 23.6 bin ich nun in Tiflis.
Die Einfahrt in die Hauptstadt ging über eine breite, autobahnartige, viel befahrene, schnelle Straße. Unkompliziert und unproblematisch. Überhaupt nehmen die Autofahrer, erstaunlicherweise, ganz anders als meine Erfahrung aus Motorrad-Zeiten, Rücksicht, halten genügend Abstand.

Die erste Pension, eine Empfehlung, stellte sich als unannehmbar, mit einer eine schmutzigen Küche, keinem Service, heraus. Ich fühlte mich dort nicht wohl. Es lohnte sich dann durch die Strasse, Gassen, steil auf und abfallende Wege zu streifen, an den unterschiedlichsten Türen zu klopfen, weitere Angebote in Augenschein zu nehmen und schlussendlich, befriedigt, glücklich das Etablissement zu wechseln.

Mein Visum für China,
was habe ich da alles schon gehört. Was wird alles benötigt, wer hat eines bekommen und wer alles nicht. Drei Tage habe ich an den notwendigen Formalitäten, Unterlagen und Nachweise die von der chinesischen Botschaft, für die Berechtigung und Erlangen eines Visums, verlangt werden, gefeilt.

Aufwendig. Sehr aufwendig.
Viele fragen sich ob sie sich das überhaupt antun wollen. In einen Staat zu fahren der die absolute Kontrolle haben will, hat.
Duzende Unterlagen, Namen von Mutter und Vater, Geburtstag, Namen und Adressen von Verwandten, Arbeitgebern, Nachweise über Einkünfte, Nachweise von Hotel und Flugbuchungen, Nachweis einer georgischen Adresse, Telefon und Arbeits- und Aufenthaltsnachweis.
Dazu Passbilder, eine Auflistung der aller besuchten Länder der letzten 5 Jahre.

Montag war ich zu spät- heute am Mittwoch fehlten noch weitere Unterlagen – dank meines super schnell arbeitenden Bankers (Kreissparkasse Köln – es sei ein herzlicher Dank gesagt ) – schaffte ich die notwendige Bestätigung noch kurz vor Toresschluss ran – es folgten Gespräche, Rückfragen und Versicherungen. Entlassen wurde ich mit dem Versprechen, dass ich am kommenden Montag mein Visum, 30 Tage Aufenthalt, einmalige Einreise, abholen kann.
Geschafft.
Auch ein Dank an das spitzen Weingut Van Volxem und Winery Zedafoni in Zestafoni für ihre hilfreiche Unterstützung

Tiflis T`blissi
Die Hauptstadt, wächst, der Tourismus boomt.
Es wird überall gelebt, in kleinen, hölzernen Verschlägen, in alten gebrechlichen Häusern, mit geflickten, gestützten Fassaden, in renovierten Altbauten, herrschaftlich, fein und in Neubauten.
Es hat unterschiedlichste Zentren, alte, moderne und neue. Eine vollkommen auf den Tourismus ausgelegte Restaurant, Bar und Cafeszene.

Es ist ganz schwierig etwas zu finden, vielleicht auch gar nicht, das überwiegend von den Einheimischen genutzt werden würde, das günstig ist, das ursprünglich ist. Tiflis ist teuer. Tiflis ist für georgische Verhältnisse teuer.
Tiflis ist auch für mich teuer. Denn ich will noch reisen, weiter reisen, muss sparen, mein Geld zusammenhalten, ich habe kein Einkommen mehr.
Man kann sehr günstig leben, selber kochen, in einem der unzähligen kleinen Märkte einkaufen, sich selber versorgen, Geld sparen.

Doch das eine oder andere gönne ich mir doch.

Der Wein hat es mir angetan.
Das eine und das andere Restaurant, Kaffee habe ich gesehen, besucht. Naja, mal war es ok, mal habe ich mich über die ignoranten Kellner geärgert, unfreundlich und unaufmerksam, mal über die durchgedrehte Besitzerin von einem Schuppen, hager, angesoffen, durchgeknallt, mal über die Preise, mal über den traurigen, weitverbreiteten Küchen-Standard mit seinen Convenient -Produkten, industrialisiert, vereinfacht, verbilligt, ein Horror, Geschmacklos, gleich.
Nach ein paar Bier, nach ein paar überteuerten Möchte-mal-gerne-auch-ein-guter-Wein-gewesen-sein, nicht nur auf der Rechnung, ein paar der überall gleichen Chinkalis, georgische Teigtaschen, die so schön exakt gleich gefertigt sind das nur eine Maschine das könnte, verließ ich den Hauptstrom der Touristen, stolperte durch eine Seitengasse, ein immer enger werdender Wege, dumpfes, schummriges gelbes Licht umgab mich.

Drei kleine Stühlchen auf einer Ecke, zwei kleine Tischchen die vor einem Lichtschacht zu einem ausgebauten Keller standen, ein Junge mit einer Kochjacke, eine Zigarette rauchend, neben einem Treppenabgang, steil, wiesen einzig auf ein kleines Lokal hin.
Ich hörte die leise Musik, ein schlanker Kerl kam heraus, lächelte, etwas nervös, zurückhaltend, wies einladend mit seiner Hand auf den Eingang, auf sein kleines Reich hin.
Ich folgte der Einladung, wollte sehen was sich so abgelegen dort im Untergrund verbarg.

Die Klänge der Musik füllten den Raum, umschlossen Herz, wärmte die Atmosphäre, waren ausgewogen, satt, nicht aufdringlich aber präsent, gaben Rhythmus, boten Raum sich zu unterhalten, untermalten die vom Hausherrn gewollte, erhoffte, ersehnte Stimmung.
Das Ambiente ästhetisch, schlicht, ursprünglich, vieles stark reduziert, Wände unverputzt, gebrannte Ziegel, schlichtes Holz ein paar Accessoires, ein altes Radio, ein alter Fernseher, schlichte, gedämpfte Beleuchtung.
Behaglich, aber nichts aufdringliches, nichts von dem um was es in diesem Laden geht ablenkend.
Alles auf den Genuss auf Küche, der Weine und Biere konzentriert.

Ich liess mich beraten.
Einen Weisswein, natürlich, organisch, ausgebaut, in einem Qverny, aus einer Tonamphore wollte ich probieren, einen guten, echten Tropfen erfahren.
Und er kam.
Und es ging weiter. Eingehüllt in die Klänge, den trockenen, erdigen Saft auf dem Gaumen, der Geschmack anhaltend, eine spontane Vergärung, eine lange Maischezeit der Weissweine, ausgereift, ausgegoren, versetzte mich dieses Lokal, dieser Wein in eine andere Zeit, an einen anderen Ort. Ich war raus aus dem Tiflis, dass ich letzten Tage gesehen hatte, raus aus der Hektik, dem billigen, dem touristischen, war angekommen in einem mit so viel Liebe und Hoffnung gebauten kleinen Tempel. Einen Refugium.
Ich nahm ein weiteres Glas, empfing eine weitere Region, erfuhr ein weiterer Winzer.
Eingelullt saß ich da, träumte, sah Anthony Bourdain an der Bar, fühlte wie er, wollte nun auch ein bisschen aus der Küche, bestellte mir ein Bruscetta, zarte, krosse Streifen, hart geröstet Weißbrot, eine feine Paste aus Forelle und Pilzen, überbacken mit einem würzigen aber nicht salzigen Käse, ein kleiner Salat, als Beilage, Walnuss Öl, keine überdeckende Marinade,
eine Trompete erklingt im Hintergrund, ein Klavier, Soul, Groove, leichte Takte, moderne Musik, zum dahin schmelzen. Warum spiele ich kein Bass Kontrabass?
Zupfen, nicken, trinken, kosten, genießen, Tack, atmen, Tack, atmen, Tack, bumm bumm.
Gut ausgewogen, auf dem Arm einer großen Amme, eingelullt und lallend.
Der Wirt kredenzend die Weine höflich, hoffungssuchend, den Wartenden, etwas Melancholie liegt in diesem Raum.

Ich muss einen Abschluss finden.
Seine Empfehlung, selbst gemachtes Bier, auch aus einem Tonkrug, ist dunkel, kaum herb, mit einer leichten Süße, malzig frisch.
Es ist überzeugend. Vielleicht das Beste dass ich je getrunken habe. Lecker.

Hier will ich noch mal hin

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