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Kette wechseln

Kette spannen

Kette spannen war nicht mehr – Kette war durch.. ich brauchte eine neue.
Nach 3000 Kilometer.

Es wurde ja langsam mal wieder Zeit aufs Fahrrad zu kommen. Erst 3 oder 4 Tage in Odessa, dann zwei Tage auf dem Schiff und dann Batumi. Man kann sich dran gewöhnen. Nachdem ich eine neue Kette gebraucht habe, ich habe tatsächlich nach 3000 km eine Kette so verschlissen dass ein Austausch dringend empfohlen worden ist, sie war in alle Richtungen komplett ausgeleiert. Ein voll beladenes Fahrrad und ein leichter Junge obendrauf der das Stahlross über die Berge getreten hatte waren auch für eine Qualitätskette genug.
Habe ich mich dann heute wieder aufs Rad gesetzt. Es waren nur 50 km. Das ist wirklich nicht viel. Aber verdammt noch mal, diese zwei kleinen Spitzen auf der Strecke haben mir ganz schön die Luft weg genommen. Zwischen 6-8 % bei 30°C und unglaublich schwüle Luft lief mir der Schweiß in Bächen herunter. Wäre da ein Dritter von dieser Kategorie gekommen hätte ich den Glauben verloren. (Ich hätte es geschafft aber ..,,)

Einwenig ist die Küstenstraße, die sich durch ein dichtes Grün, stark welligen Bergen, tief einschneidenden Täler, Tropen artig bewachsen, Palmen und dichten Bambushainen, windet, schon durch einen Tunnel entschärft worden. Doch ansonsten läuft sie weiterhin schwungvoll die Hügel rauf, steil in den Gräben folgend, die Berge runter, folgt Eisenbahnlinien und alten Küstenpfade, vorbei an verrottenden Hotelruinen und direkt danach gefolgt von modernen florierenden Neubauten. Was das einem Ende, des anderen Erfolg zu sein scheint kann ich nicht erkennen.
Ureki, mein Tagesziel.
Ich habe hier einen Tag dran gehängt: Schwarzes Meer, heißer schwarzer Sand, ein milder Wind, warmes wenig salziges Wasser, Musik bis spät in die Nacht, geplärre aus allen Boxen, Grill-, Bier und Schiessbuden auf der Landstraßen Promenade, Ballerman und Mallorcafeeling, für Russland, Georgien, Aserbaidschan. Noch ist es recht ruhig hier, die Ferien, die Haupturlaubszeit, die Saison hat noch nicht eingesetzt. Was hier los ist wenn erstmall alles aufgefahren wird, wäre spannend mal zu er fahren. Georgien ist immer noch, auch wenn hier für die Touristen die Preise stark angezogen worden sind, für uns, ein günstiges Reiseland. Darf aber nicht darüber außer acht lassen , dass sich diesen Strand viel andere hier nicht leisten können.
Aber ich habe nicht nur einen Bade und Strandtag eingelegt. Es ging auch um Routenplanung, Reiseterminplanung und die Frage: wann werde ich wie und wo mein China Visum beantragen.

Morgen, am Sonntag den 16.Juni, geht es langsam in die Berge. Ich will nach Khutaissi.
Ich komme dann dem Georgien näher. Vorder-Asien, dem Asiatischen Kontinent

die Melodie Batumi

12.6.

Batumi hat viele Melodien,

teils ein betagter alter Badeort, teils Domizil gut Situierter, teils kurzzeitiges Urlaubsziel neureicher Anrainer.
Es lebt die Altstadt vom alten Glanz, vergangenem Glamour, Blüten herrschaftlicher Zeiten
es pulsiert das Leben einer neuen Generation,
es regiert die Lust auf Wein, kurzweiliger schneller Entspannung, zwischen steiniger Küste, Weinbars, und einer unzahl thailändischer Massagesaloon.

Ich habe die Vorstadt, die Außenbezirke noch nicht gesehen.
Aber das Leben, der Tourismus konzentriert sich auf die Altstadt und einem Kilometer langen Meerespromenade.

Es ist warm, schwül warm, die Wäsche trocknet nicht mehr so schnell, ein laue Brise geht über diesen Ort. Mittags steigen die Temperaturen…man sehnt sich auf den frühen Abend, eine leichte Abkühlung, auf ein kaltes Bier…einem leckeren georgischen Wein.

Tags hört man Chanson, es klingt nach italienischen Liebesliedern, französische anmutende verträumte Klänge.
Die Nacht bricht ein. Die Straßen werden von mehr und mehr Autos belebt, sie fahren leise, viele Elektrofahrzeuge, es wird kaum gedrängelt, es ist eng, man arrangiert sich.
Ich habe das Gefühl in den Straßen klingt das Leben nach einem melancholischen Liebeslied, verlassene, befriedigte, Zigaretten rauchende Einsame und glückliche Paare sitzen an den Bars, im gelblichen Licht, trinken Wein, träumen von gestrigen, hoffen und leben auf das Morgen, lachen, reden und lassen entspannt die Zeit verrinnen.

Ich spüre Belmondo, le Professionnel, der Profi…erinnere mich der Klänge, der tiefgehenden Stimmung die Morricones brillant mit seinen Werk vermitteln konnte. Sie untermalen mein Auge, erreichen mein Herz, bilden den Rahmen der Empfindungen für den Abend.

Das Abendessen wirkte auf der Karte abgebildet, frischer, saftiger. Doch wirken die Grundzutaten hier alle natürlicher.
Ich kann mich an die meist immer nur milde gewürzten Speisen nur wenig gewöhnen. Nur zu langsam. Unser Gaumen, in der Heimat, belastet von Geschmacksverstärkern, über und versalzen, nach gesüßt, die schlechten Speisen industriell gefertigter Nahrungsmittel, Ergänzungsmittel, kaum verdaulicher fetter, kalorienreicher Fabrikprodukten haben unsern Geschmack, die Rezeptoren versaut, abgetötet geschwächt.
Schon seit dem Balkan ist mir aufgefallen, dass hier Speisen weniger gesalzen, weniger nach gesüßt sind als in unserem so fortschrittlichen Westen.
Tomaten dürfen sich hier Tomaten nennen.

Der Ort ist gestopft voll mit Hotels, Pensionen, Guesthouses, billige bis extravagante Absteigen.

Georgien steht nun an.
Eine neue Simkarte ist besorgt, die erste Orientierung zu Orten, Distanzen zu gefasst. Wäsche wird gewaschen. Ich war beim Barbier, wurde rasiert, frisiert, mit Heißwachs Haare aus Ohren und Wangen gerissen, der Zopf gekürzt, die Kotletten gestutzt, der Schnäuzer entfernt, mit Paste die Falten gestrafft, mit Cremes die Haut gepflegt, mit Rosenwasser die Haut massiert.
Jetzt muss ich langsam noch mein Rad richten. Die Kette pflegen, reinigen, spannen und neu fetten. Arbeiten die alle 500 bis 1000 Kilometer notwendig werden. Hier alle drei Wochen, zu Hause einmal im Jahr.

Morgen soll es weiter gehen. Etwas unruhig, gespannt bin ich auf meine nächste Tagesetappe, der Küste entlang, Richtung Poti. 400 Kilometer, etwas mehr oder weniger sind es bis Tiflis, es kribbelt, etwas unsicher bin ich, mache mir Gedanken zu den nächsten anstehenden Visa Angelegenheiten, hätte gerne weniger Gepäck, kann mich bis auf ein paar Kleinigkeiten von nichts trennen. Selbst Kleinigkeiten mit nur einem geringen Gewicht stehen zur Disposition, werden in die Wagschale geworfen. Eine Baseballkappe, ein extrem kleines Stativ, eine kleine zur Zeit Leere Dose, ein zweiter Akkupack….eine Regenjacke, denn ich hätte ja auch noch einen Poncho, nicht so schick, aber leichter.

Viele Gedanken zu der nächsten Stufe, rein nach Vorderasien. Es wird warm werden, es wird heiß werden. Und es wird in die Berge gehen.

Aber gleich erstmal die Kette spannen.

auf die Greifswald

6.6. Odessa – Geraldine kommt nach Odessa zu Besuch
7.6. Odessa – Ein Spaziergang
8.6. Odessa – Ein Besuch in der Oper – Aida
9.6. Tschornomorsk – Fähre „Greifwald“ nach Batumi, Georgien
10.6. auf der „Greifswald“
11.6. auf der „Greifswald“ –Ankunft in Batumi

Ich habe noch viel Zeit, Geraldines Maschine aus Istanbul kommend, wird erst zum Nachmittag hin, landen.
Ich genieße unter schattenspendend Bäumen ein vorzügliches Mittagessen, herrliche frische Salate, kreativ zusammengestellte, komponierte Köstlichkeiten, fein, Limonaden alle a la Minute neu angesetzt, mit einer freiwählbaren Süße, Limonen, Ingwer, Minze. Es gibt sie variiert mit weiteren Früchten, Orange, Mango, Pfirsich, aber auch mit pürierten roten Früchten, Erdbeeren. Es gehört zu einem der besseren, teueren Restaurants, die Ausstattung ist geschmackvoll, der Service, schnell, umfangreich, höflich und hübsch.
Zu der Rechnung am gestrigen Abend reichte man mir noch eine Schale Erdbeeren, für den Rest der nicht beendeten Flasche Grauburgunder gab man mir eine eigens dazu geschaffene Tasche kostenlos mit. Für Ukrainische Verhältnisse ein teures Restaurant. Gekostet hatte mich das Mittagessen, bestehend aus 2 wunderbaren Salaten und gegrilltem Gemüse, einem Liter Limonade und einer große Kanne Fruchttee 12,- oder 14,- €.

Odessa versetzt deine Gedanken spielend ins vergangene Jahrhundert. Jugendstilbauten. Eine fantastische Architektur. Breit angelegte Chausseen, großes Blattwerk mächtiger Bäume spendet in der schwülen Hitze der freien Plätze, eine angenehme Kühle.
Ins vergangene Jahrhundert.
Ich lese eine Biografie, Gertrude Bell, Königin der Wüste, das außergewöhnliche Leben der Gertrude Bell. Nun, ja. Außergewöhnlich war ihr Schlag, ihre Kraft, ihr Wille, die Umstände, ihr Eigensinn, Tatkraft und Wissensdurst. Eigenartig zu lesen, eine Biografie, gesammeltes Wissen über diese Frau, gesammelt aus Briefen, Berichten und erfasst aus den Beschreibungen ihrer eigenen Bücher. Gertrude.

Flughafen Odessa.
Ich habe mich an einen Taxifahrer, Artem, hauptberuflich ist er Imker, gewöhnt. Ich werde weiter mit ihm fahren. Er ist etwas teurer als normal, nimmt gerne von den Touristen das doppelte, oder soviel er nun gerade bekommen kann, feilscht gerne, kullert mit seinen Augen, setzt ein verschmitz freundliches Lächeln auf, lacht und wenn er zufrieden ist klopft er dankend einem auf die Schulter.
So kostet mich die Fahrt zum Flughafen nicht 3,-€ (40 Minuten) sondern 6,-€. Er ist glücklich.
Dafür habe ich einen zuverlässigen Fahrer.
Am Sonntag den 10.Juni kommt er eigens mit einem Transporter, pünktlich, schafft so, Geraldine und das ganze Gepäck, das große Fahrrad, zu dem über 24 Kilometer entfernten Fährhafen, wartet geduldig vor der Fährbüro, bringt einen zu einem entlegenen Restaurant, übersetzt die Karte, gibt hilfreiche Tipps und bringt uns dann zu dem 2 Kilometer weiter liegenden Zoll und Grenzabfertigungsgebäude am Hafen. Wir sind glücklich.

Freitag den 7. Juni.

Wir machen nichts, alles und es ist genug.
Man kann ein halbes duzend Museen besuchen, die Katakomben, den Strand und weitere Sehenswürdigkeiten. Kann man. Man kann sich hetzen und rennen.
Man kann sich aber auch hinsetzen, etwas spazieren gehen, hier mal ein Kaffee, dort mal eine der herrlichen Limonaden schlürfen, in einem der viele Parks verweilen, die Atmosphäre spüren, aufsaugen, das craquille der Fassaden, die Blicke der Putten, das Grau der verhangenen, seit Jahrzehnten nicht mehr geöffneten, geputzten Fenster bestaunen, Wortfetzen, Bruchstücke verständlicher russischer Worte aufschnappen, Gespräche zu Kellnern, Studenten, Spaziergängern suchen und sich einfach in diese Stadt, geboren aus dem Ölboom vergangener Jahre, dem alten Glanz, einfühlen.
Mehr ging nicht an diesem Tag.

Samstag den 8.Juni 2019

Heute geht es in die Oper – Aida wird gegeben. Für mich ein seltenes, zu seltenes Spektakel.
Bis dahin arbeite ich mich noch durch ein paar ungeklärte Fragen, fehlende Antworten. Ich hatte nach Monaten den Mut gefasst, alte ungeklärte Fragen in meiner Familie, meiner Exfrau, meinem Sohn an zusprechen. Wir sind lange getrennt, seit einem viertel Jahrhundert geschieden, gehen seit Jahrzehnten andere Wege. Doch Wege kreuzen sich zu mal. Wege die man geht haben einen Anfang. Um sich auf seinen neuen Wegen zu orientieren, nicht die falsche Richtung einzuschlagen, dient ein Blick über die Schulter, ein Blick zurück, zu erkennen warum man über einen Berg, durch eine Schlucht, durch einen dunklen Wald oder über ein offenes Feld gegangen ist. Die Frage, sie lag mir auf dem Herzen, diente meinem Verständnis, zu meiner Orientierung auf meinem neuen Weg Richtung China.

Meine Reise Richtung China, sie löst mal Verwunderung aus, mal Unverständnis, mal Bewunderung aus.

Die Oper,
Ich hatte die besten und teuersten Karten gekauft. 300 Gwrina, 10,-€. Dann diesen Abend mit einem Glas Champagner und Kaviar Häppchen begonnen (jeweils 1,5-€).
Das Gebäude gewaltig, große geschwungene Treppen, Naturstein, Stuck, Fresken, vergoldete Lüster, im Saal dominiert das Rot des Samt, bespannt auf Stühlen, Decken, und Wänden
, das Gold auf den abgesetzten Schnitzereien, den Verzierungen auf dem elfenbeinfarbigen Grund, ein Erlebnis, eine Augenweide, ein Schmaus für viele Sinne. Ein brachialer, traumhafter Klang drang aus dem Graben, stimmgewaltig der Tenor, den Bass hätte ich mit Verdis Zustimmung lieber höher angesetzt, den Tänzern, Balleteinlagen an Szenen eines Stummfilms erinnert, eine ungewöhnliche Choreografie, versüßten den Abend
3,5 Stunden, 4 Akte ungewohnt.

Sonntag der 9.6. war mit Abreise, Abreiseformalitäten, lange Wartezeiten, aufwendigen Abfertigungen bestimmt.
Abfahrt aus Odessa gegen 12:30, Abfertigung Fährbetreiber 14:00, Zoll 18:00 betreten der „Greifswald“ gegen 18:30.

Abendessen mit hundert LKW Fahrer 20:00

Was freute ich mich auf diese Schiffsfahrt. Das strahlendweise Fährschiff, gefüllt mit unzähligen LKWs, ein paar wenigen Motorradfahren, Eisenbahnwagons, einem duzend zusätzlichen Passagieren und 2 Fahrradfahren, die Greifwald, kreuzt zweimal die Woche unter einer panama Flagge, über das Schwarze Meer.

Drei Mahlzeiten werden an Board geboten. Ausreichend, durchaus lecker, abwechslungsreich, über eine Lautsprecherstimme angekündigt, ermahnt pünktlich zu sein, zu festen Stunden, Minuten gereicht. Die Kabine, sauber, das Bett lang genug, eine kleine ausrechende Nasszelle schliesst neben einem eigenen Tisch und zwei Stühlen den Komfort für den Raum ab.

Die LkW Fahrer bestimmen das Bild.
Den Wagen abgestellt, die Kabine bezogen, eröffnen sie seit dem ein sich nicht zu unterbrechendes, nicht enden wollendes Besäufnis. Ich sehe niemanden der nüchtern ist, der nicht trinkt. Der nicht auf dem Aussendeck raucht, lacht, sich unterhält und die nächsten Biere holt, den nächsten Wodka reicht.
Das erste Bier sehe ich um 8:00 zum Frühstück, die ersten total desolaten werden unter Begleitung zum Mittagstisch eskortiert, gestützt und abgeführt. Bis zum Abendessen Literweise Schnaps konsumiert.
Es ist Montag der 10. Juni, gleich ist es 18:00 das Abendessen wird eingedeckt. Morgen Abend ab 21:00 müssen die Kämpfer, einsamen Fahrer zurück auf die Straße. Ich frage mich ab wann sie das systematische Abfüllen beenden. Nüchtern wird man in 24 Stunden bei 3 Promille nicht mehr.

Zwei Tage und ein paar Stunden werde ich an Board sein. Die See, bisher, ist glatt, ruhig, klar, türkisblau. Ein russischer Dreimaster zieht leise, in weiter Entfernung, an meinem Fenster, ein großes, Messing umrahmtes, mit vier schweren Drehverschlüssen geschlossenes Auge vorbei. Kleine Delphine kreuzen, durchziehen mit ihrer Finne das Wasser, spielerisch, seicht, lockern sie das Bild auf die Weite des Meers auf.

Zeit den Wind zu spüren, aufs Deck zu gehen, in die Ferne zu schauen.

Ex oriente lux

Morgen komme ich in Batumi an.

eine neue Stufe

2.6. – 4.6 und 5.6. Odessa
Vilkove – Tatarbunary 68 km
Tatarbunary – Satoka 103 km
Satoka Tag am Strand 0 km
Satoka – Odessa 63 km

Leider mussten wir, Richard und ich, das Camp verlassen, alles war belegt, kein Wunder, alles war für den folgenden Tag ausgebucht, die Ruhe, der Strom, die Gelassenheit, die Freundlichkeit, der Service, das leckere Essen, kein Wunder.
Auf der Rausfahrt besuchten wir noch das Lokale Museum, Stadtgeschichte, in Vilkove.
Wieder fand ich über all Spuren deutscher Geschichte. 1814 ist ein Vor-Vorfahre Richards, vom Zaren gerufen, das Land urbar zu machen, den Ruf nach Bessarabien, gefolgt.
Jetzt ist Richard auf den Spuren seines Vaters der mit 12 Jahren 1940 das Land verlassen musste. Es beschäftigte ihn sein halbes Leben. Sein Vater wollte nicht mehr zurück, traute sich nicht, wollte es nicht wieder sehen, jetzt ist sein Sohn auf dem beschwerlichen Weg. Seine Wurzeln suchend, voller Emotionen.

Auf halber Strecke trennten wir unsere Wege, einig, unsere Zeitpläne, unsere innere Uhr. Richard folgte einer Einladung ans Schwarze Meer, ich fuhr weiter nach Tatarbunary. Das war jetzt besser so, es fühlte sich für mich besser an, glaubte auch ihm auf den letzten zwei Tagen vor seinem Lebensziel ihm den Platz zu geben zu müssen, sich seiner Geschichte ganz hinzugeben.

Tatarbunary war ein Kaff. Zentral ein kleiner Vergnügungspark, ein Park wie er in allen russischen, ukrainischen Zentren zu finden sind. Kinderspielplätze, Platz für Gemeinsamkeit, Treffpunkte, Parkbänke, Schatten spendende Bäume, werden im Osten groß geschrieben. Familie, Nachbarschaft, Druzhba. Leider gehen viele Anlagen, mangels Geld, so langsam danieder. Trotzdem werden sie, auch verrottet, rostig, gerne angenommen, genutzt.

Es war beschwerlich etwas zu essen zu finden. In einem Magazin holte ich mir das Nötigste. Das Hotel, über einem Kaffee, einfach, aber zweckmäßig. Es hatte Strom, ein funktionierendes Internet, notwendig oder hilfreich für meine Planungen, und eine saubere Dusche.
Klar könnte man sich in dem Ort auch auf der Straße versorgen, Abends aus dem Ort herausfahren, sich ein stilles Plätzchen suchen, wild zelten, und 10 oder 5 Euro sparen. Ich bin ja keine Pupe, aber ehrlich gesagt, ich zahle dann doch gerne die zehn Euro für Strom, Wasser, Bett und Internet. Könnt ihr euch vorstellen wie Haut, Haare und Kleidung nach stundenlanger, vielleicht sieben bis zehn Stunden auf der Straße, Fahrt auf den Wegen, über Sand, Staub und Schmutz, verschwitzt, klebrig, sechs Liter Flüssigkeit sind durch die Poren geronnen, versalzt ist?
Mir ist da eine Dusche was wert. Solange ich meine Tagesetappen so planen kann, nehme ich mir den Luxus.

Ich bin auf einer neuen Stufe.
Tatarbunary nach Satoka 3.6. 2019
Ich bin auf einer neuen Stufe.
Aber das Gefühl hatte sich schon länger ausgebreitet, durchströmt, sich bemerkbar gemacht. Es kam aus dem Bauch, aus dem Herzen, beseelte, beflügelte. Es waren erst Ahnungen, unmerklich klein, aber Kraft gebend, stärkend.

Ich hatte das Schwarze Meer erreicht, war raus zum 0 Kilometer Punkt gefahren, zur Mündung der Donau, es war befreiend. Ich hatte meine 2 Etappe, eine Stufe, mein gesetztes zweites Ziel, welches ich erreichen wollte, erreicht. Über 2600 Kilometer.
Ab jetzt geht es nach Odessa. Ich kann noch gar nicht definieren wie weit meine neue Stufe reichen wird. Wird es bis zur Fähre sein, wird es bis nach Batumi reichen oder komme ich auf dieser Stufe, einer Entwicklung, vielleicht sogar bis nach Tiflis. Ich werde es spüren.

Es sollte heute eigentlich regnen, bin aber trotzdem guten Mutes recht früh heute gestartet. Der letzte Ort lud nicht zum verweilen ein. Ich wollte auch noch mal zur Küste, an den Strand. Also habe ich mich auch für die schwierigere Strecke von 85 km quer Feld ein, auf direktem Weg nach Satoka gemacht.
Voller neuem Tatendrang, entspannt, meiner sicher, kein Weg noch so schlecht, kein Schotter, kein Berg störte mich.
Und es war schwierig, und es war heiß und es hat schlechte Straßen gehabt, aber es gab keinen Regen und zu Belohnung weil auf dem letzten Stück der Streifen am Meer entlang gesperrt war durfte ich noch einen 21 km langen Umweg fahren. Es hat mich nicht gestört. Hat aber unendlich viel Spaß gemacht. Zum Glück hatte ich heute für die über 103 Kilometern und 7 Stunden reine Fahrtzeit genug zu trinken dabei.

Satoka. 4.6.2019
Ein Badeort, ein Ausflugsziel der Ukrainer, Sandstrand, zahllose Buden, Appartements, neue Betonbauten, vier, fünf geschossig, Holzhütten aus den 70er Jahren, flache ursprünglich Häuser mit Gastquartieren, Ruinen, moderne Hotels, Bierbuden alles wild gewürfelt auf X Kilometer am Strand entlang.
Direkt im Zentrum, mein Weg stieß im rechten Winkel auf die Hauptachse des Vergnügungsort, auf das zweite Haus. Ein flacher Bau, ein kleiner Innenhof umgeben von einem kleinen Schrebergarten, einem zentralen Plumpsklo und von gut einem duzend kleiner Kammern, an einander gereiht. Ein freundliches Gesicht, ein älterer Mann mit nackten Oberkörper, sonnengebräunt, ein zäher Körper, klassisch, sprach mich an, guckte, winkte, gab zu verstehen dass man bei ihm wohnen konnte. Ich schaute mir die Kammern, die Zellen, an.
Ich war begeistert. Es war nichts aufgesetztes, es war üblich, normaler Standart, sehr einfach, sehr nett, sauber und sehr günstig.
Ich quartierte mich dort für 2 Nächte ein. Verbrannte mir am Folgetag, nach einem wunderbaren Bad im Meer, am Strand, ich schlief ein, den Rücken und die Oberschenkel. Ich weiß nicht wie lange ich dort gelegen hatte, dachte nicht dass ich mich der Sonne dort so lange ausgesetzt gehabt hätte, war aber dann doch ganz nett rot.

5.6. 2019
Satoka – Odessa

Ich lasse mir die Laune doch nicht vermiesen. Auch wenn manchmal meine Navigations app schon verdammt viel Humor abverlangt.
Die Fahrt nach Odessa, auf kurzem Weg geführt, brachte mich über unzählige Kilometer durch Vororte, Industriegebiete, nur langsam rollende Schotterwege, nicht viel Schönes, nichts Besonders.
Die Straße führte vorbei an Tschornomorsk, der vorgelegenen Hafenstadt, Abfahrtsstelle der Fähren übers Schwarze Meer. In der Ferne sah ich eines der Schiffe liegen. Vielleicht war es die Kaunas oder die Greifswald, Fähren die Batumi, Poti anfahren.

Odessa.
Odessa, das Paris des Osten.
Charme, Charme Charme. Gelassenheit, Flair. Kunstvolle Gebäude, Geschichte, jeglicher Luxus, Armut, Stolz und Verzweiflung, Mut, Kreativität und Pragmatismus liegen hier dicht nebeneinander.
Ich schaffe mein Gepäck und Rad in ein winziges Hotelzimmer, gehe duschen, dann raus die Stadt besuchen, sehe das spätbarocke Opernhaus, stehe auf der potemkinschen Treppe, sitze an der Flaniermeile, höre die Musik, sehe die unglaublichsten Gestalten und bezahle für mein Abendessen mehr als für 2 Nächte in meinem Hotel inklusive einem Frühstück.

Jetzt lasse ich die Stadt auf mich zu kommen.

(Nebenbei muss ich mich um die Fähre kümmern, und Geraldine vom Flughafen abholen. Sie kommt, sie will mich gerne besuchen. Willkommen. Es wird spannend in Odessa)