am Kaukasus nach Baku

Die letzten Tage waren nur durch den Willen vorwärts zu kommen, Zeit auf zuholen, zum Leidwesen der nicht gesehenen kulturellen Sehenswürdigkeiten, nicht gesehener Zeugnisse früher Menschheitsgeschichte, vieler unterschiedlicher, atemberaubender Naturansichten und dicker Beine gezeichnet.
Mein Mitfahrer zieht mich, drängt mich und es zieht mich über die Berge, es hilft mir, es gab mir Biss und Durchhaltevermögen. Über vierhundert Kilometer und ein paar tausend Höhenmeter.
Ich akzeptierte, ohne Widerwillen, ohne Widerstreben dieses Tempo. Es kam mir zu Pass, denn meine Zeitplanung hängt gewaltig hinterher.

Wie soll ich in 14 Tagen in Samarkand sein? Es ist nicht zuschaffen, nicht fahrerisch, nicht von den noch zufahrenden Distanzen.
Doch ich werde versuchen da heranzukommen. In Kasachstan und Usbekistan werde ich gute 1800 Kilometer LkW und Busse zu Hilfe nehmen.
Der August sollte für den Pamir sein, der September für China und dann der Oktober für Pakistan, das Visum steht noch aus. Warten wir es ab. Es wird schon irgendwie klappen.

Jetzt bin ich in seit gestern Abend, nach einer über 100 Kilometer langen Fahrt in Baku. Das war mal nicht ohne. Stundenlang ging es durch die trockenen, heissen, steppenartigen, Ausläufer des Kaukasus. Nichts ist mehr übrig von den saftigen Wiesen, den dichten Wäldern an den steilen Hängen. Es war staubig, heiss und trocken.
Seit heute Morgen sitze ich an Briefen, Datensicherung, Sichtungen von Bildmaterial und nun an dem Tagebuch.
In zwei Stunden will ich aber raus und etwas von der Stadt sehen.

Aserbaidschan
Was habe ich denn nur gedacht, welche Vermutungen hatte ich, wie stellte ich mir das Land vor? Viel habe ich nicht gesehen.
Ich bin entlang des Kaukasus gefahren, hatte die Ausläufer, die grünen Hänge steil, tief eingeschnittene Täler immer links von mir, überquerte breite, steinige Wasserstraßen, Erosionen, Geröllhalden hunderte Meter in ihrem Delta breit. Und durchfuhr immer wieder wunderbare Straßen, die sich um natürlichen Ränder der Hügel und Berge wunden. Satte Felder bewässert aus unendlich vielen kleinen Kanälen. Das Wasser geleitet aus den Höhen, abgeleitet aus den Flüssen, in Betonröhren geführt, geteilt und immer wieder geteilt, zu kleinen Bächen, Rinnsaale dann gegraben.
Die Früchte angepriesen am Wegesrand, Säfte, gelierte Massen, eingelegte Gemüse, frische, geschmackvoll, für die Augen und Gelüste farbenfroh und stimulierend präsentiert.
Ich kenne nur den nördlichen Teil Aserbaidschans, habe nur die fruchtbaren Böden gesehen, Alleen aus uralten Eichen, Buchen und Kastanien, goldfarbende Felder, abgeerntetes Getreide, Strohballen, Tabakpflanzen, Haselnusssträucher in riesigen Plantagen, Weinbau und allzeit und überall werden Melonen angeboten.
Die Menschen hier, die Männer hier bevölkern gerne schattige Plätze, trinken Tee, Chai, reden, spielen Backgammon, Domino, Karten, rauchen dünne, schlanke Zigaretten, treffen sich in KAFE, wo es keinen Kaffee gibt sondern Chai gibt, trinken Bier aus halbliter Krügen und gehen mit der ganzen Familie gerne zu einem der unzähligen Picknickplätze unter den kühlen Blätterwerken.
Touristen werden begrüßt, eingeladen, befragt, zur Nationalität beglückwünscht.

Es war schön die letzten Tage hier durchzuradeln.
Die Abwechslung, die Freundlichkeit, die vielen neuen Eindrücke, die wunderschöne Landschaft, Teepausen, leckere Kleinigkeiten, das gute Obst hat es mir erleichtert täglich hunderte Höhenmeter zu meistern. Jeden Tag wurde es für mich etwas besser, etwas leichter, gewöhnte ich mich an die niedrigen Gänge, den ruhigen, langsamen Tritt, gewöhnte ich mich an die Hitze, lernte mit ihr umzugehen.
Trinken und pausieren. Sechs Liter während des Tages, gerne weitere 2 Liter zum Abend.

Aus Lagodechi, Georgien ging es vollkommen unkompliziert nach Aserbaidschan nach Qax, einen Tag später nach Oguz, dann nach Ismayilli, nach Qobustan und dann blieben heute nur noch 105 Kilometer bis nach Baku. Das lohnte sich nicht mehr auf zu teilen- und es hätte sich auch nicht mehr teilen lassen.
Bis auf eine kleine Teestube gab es auf der ganzen Strecke über 80 Kilometern keine Versorgungsstelle, und das bei weit über 30 ° Grad, vielleicht auch gute 36° Celsius, durch einen gefühlten Glutofen. Die Landschaft hat sich in den letzten beiden Tage so extrem gewandelt, von dicht bewaldeten, satt, grünen Hängen, durch riesige Obstplantagen, zu den Getreidefelder und dann immer trockener werdender Steppe.
Es war faszinierend.
Aufwendig und anstrengend dann die letzten 30 Kilometern lange Einfahrt nach Baku…, dichter, hektischer Verkehr und eine Luft zum schneiden.
Aber das ist Baku, eine knappe drei Millionen Stadt. Hier trifft Not, Armut, Einfachheit auf Reichtum, uralte, gewachsene Strukturen auf Moderne, kleine Handwerksbetriebe, große Werke, marode und florierende Gewerke, Aufwärtsstreben, mondäner Nationalismus, symbolträchtige Bauwerke und Machtsymbole.

Die Putzfrau und Haushälterin hier in meinem Hostel, eine Türkin, mit ihren mindestens 500.000 Worte Anschlägen am Tag, ihr Geplärre durchdringt alle Wände, seit den frühen Morgenstunden quatscht sie, ruft den einen oder anderen, spricht mit dem Badezimmer, mit der Wand und jetzt mit dem Portier, vertreibt mich hier.
Ich habe keine Lust mehr… nun gut so komme ich ein paar Stunden vorher hier raus.

Baku
Aserbaidschan
13.7.2019

Lagodechi 7.7. 84 0
Qax 8.7. 85 85,21
Oguz 9.7. 86 82,6
Ismayilli 10.7. 87 95,68
Qobustan 11.7. 88 91,53
Baku 12.7. 89 104

gefahren seit Passau 3884,24 Kilometer seit Köln 5084,24 Kilometer

und die Musik…die Melodie passt zu den Gefühlen, zu den Emotionen, zu den Bergen, den langen, schnellen Abfahrten…dem Verkehr, den tausenden Lada 1600

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