von Serbien durch Bulgarien nach Rumänien

Ach herrje…..bald ist eine Woche vergangen.
Letzter Tagebucheintrag war vom 13.5.2019

Ok. Ich bin ausgeschlafen, hatte ein leckeres Frühstück, sitze unter Weinranken in einem wunderbaren Garten, meiner Pension, einer privaten Unterkunft, einem kleinem homestay, zwei oder drei Zimmer hat es, einem kleinem Zeltplatz , vielleicht gerade mal Platz für eine handvoll Zelte, als einziger Gast.
Werde herzlich umsorgt. Fühle mich sau wohl.

Die letzten Tage, Stoff für ein duzend guter Geschichten. Aber sie müssen geschrieben, erfasst werden. Das habe ich in der letzten Woche nicht geschafft.
Man mag es sich kaum vorstellen, doch die Zeit ist knapp, die Zeit der Muße, die Zeit die ich brauche zum Schreiben, die Gedanken fließen zu lassen, die Wörter zu finden.

Es war eine spannende und sehr abwechslungsreiche Zeit. Manchmal war es kalt, manchmal regnerisch, der Himmel verhangen, trübe, grau, manchmal brach die Sonne durch- aber an all das muss ich mich gleich noch mal, bei der Durchsicht der Bilder, erinnern.
Denn ihr glaubt es kaum, nach ein paar hundert Kilometern, nach unzähligen kleinen Dörfern, vielen Übernachtungen, zahllosen Begegnungen und den unterschiedlichsten Sprachen, Ortsnamen, Unterkünften, fällt es mir schwer auf Anhieb zu sagen, gestern hieß mein Übernachtungsort so, davor so und davor war ich in Widin, Kosloduy, Guilantsy, Negotin, Turnu Magurele oder war es anders herum …?
War ich 3 Tage oder vier Tage mit zwei radelden Argentinier unterwegs?
Ich schaue gleich noch mal nach.

Aber heute am Sonntag den 19.Mai 2019 sitze ich hier, auf der rumänischen Seite der Donau, in Turnu Magurele, auf dem Grund einer sehr lieben Gastgeber Familie.

Ich komme nun, hier, zu dem was mir Spaß macht, zum lesen, zum schreiben, Bilder sortieren, ein paar kleine Bildgeschichten hoch laden, auf meine Internetseite, auf Facebook, das verhasste und geschätzte Medium, das nützliche, sinnvolle, praktische, einfach zu bedienende, hinterhältig, gefährlich, noch nicht ganz abzuschätzen heimtückische.

https://www.facebook.com/Der-Spurensucher-mit-dem-Rad-Richtung-China-395639377897693/

Der Ordnungshalber vorab hier die letzten Etappen:

Am 13.5. von Kladovo nach Negotin (Serbien) 57 Km
(es wurde hügelig, trüb und kühl, am Morgen schüttete es noch – die Abfahrt viel mir schwer. Bis Negotin hatte mir gereicht)
Am 14.5. von Negotin (Serbien) nach Widin (Bulgarien) 50 Km
(das Wetter war wieder mal nicht einladend – aber es ging – ich kam durch – nach dem Mittagessen entschied ich mich in ein auf Fahrradfahrer sich spezialisiertes Hostel zu gehen – war nett – ich traf wieder auf die 2 Argentinier (in Budapest kennengelernt) )

Am 16.5. von Widin nach Kosluduj 107 Km
(Wir starteten zu dritt – aus einer sehr langsamen Durchschnittsgeschwindigkeit der Argentinier, teils musste ich mich echt beherrschen – entwickelte sich in den Bergen, Pässen, durch Wind und Regen eine gute Durchhaltestrategie und gute letztendlich ergab sich eine gute Gesamtkilometer Leistung )
Am 17.5. von Kosluduj nach Gulyantsi 109 Km
(Wir zu Dritt setzen noch einen drauf – sind aber wirklich auch sehr geschafft nach der Fahrt)

Am 18.5. von Gulyantsi (Bulgarien) nach Turnu Magurele (Rumänien) 36 km
(Ich wechsele die Flussseite, ins flachere Land und fahre gezielt meinen „Ruhetag“ Unterkunft an)

Ich hatte in Widin schon einmal versucht, abends nach der Fahrt, mit dem Tagebuch zu beginnen, die Eindrücke der Grenze, dem Stacheldrahtzaun, dem Block gegen den Osten, dem eisernen Zaun, diese Stimmung, diese Atmosphäre zu schildern. Wie es verrottet, geflickt, wie alte Formen des Umgangs, Grenzformalitäten, Abwicklungen gehandhabt werden, eingerittene Mimik, Habitus, die Gebaren. Sie scheinen sich in dem Craquele der Fassaden, der bröseligen Beton aufgenommen und sich wiederzuspiegeln.
Ein strenges, abweisendes Gesicht wird zu Annahme des Passes aufgesetzt. Nur die jungen Zöllner, nicht durch die Strenge, durch die vergangene Zeit, dem Misstrauen, versaut, lächeln, sind freundlich.
Durch Lächeln, Freundlichkeit, Höflichkeit, Unbekümmertheit, nimmt man den garstigen Ihren Grund, irritiert sie, öffnet sie, lässt sie ihre augesetzten Gebaren vergessen.

Doch vorab.
14.5. von Kladovo nach Negotin es sollte regnen, morgens war noch alles verhangen.. Lust ..Lust konnte ich keine empfinden, musste mich durchringen, aufstehen, es einfach ein gutes Stück versuchen.
Ich zog es, verzögerte, schleppte mich so langsam nur voran.
Ein gemütliches, einfaches, aber mit Herz gereichtes, Frühstück der Hausherrin genoss ich noch.
Gut, dann nur eine kleine Strecke halt, nur bis Negotin, nur 50 Kilometer.
Der Himmel lockerte sich auf, es lichtete sich. Der Regen lies nach. Ich war froh, zumindest kein Start im Regen. Die Strecke war schlicht, eintönig, ohne eine besondere Ausstrahlung. Hügelig, ein leichtes Auf und ab, aber nichts spektakuläres.
In Negotin kam ich so früh und so gut motiviert an, dass ich bald in Versuchung gekommen wäre die nächste Etappe, nach Widin, weitere 50 Kilometer, direkt in Angriff zu nehmen.
Zum Glück nicht. Nach kurzer Zeit zog es sich zu, es regnete, ich blieb in einem Hostel.

Im Hostel traf ich wieder auf die Argentinier aus Budapest.
Am nächsten Tag wollten wir zusammen starten – warum nicht.

15.5.2019 von Negotin nach Widim

Die zwei fahren – ohne Gnade, lassen sich kaum dabei irritieren, auf der Graden recht langsam.
Übers Land, kleine Seitenstraßen, kleine Dörfer, leichte Berge, Landwirtschaft, saftige Wiesen, ruhig wenig Verkehr, eine ausgesprochen schöne Strecke ging es bis zur bulgarischen Grenze.

Die Grenzstation, bröckelig, veraltet, eine Röntgenstation, eine LKW Desinfektionshalle, alte Eisenzäune, die schon angesprochenen missmutigen, gelangweilten Grenzer.
Bulgarien wirkte noch mal ein bisschen maroder, verbrauchter, ärmer als Serbien.
Doch, noch ein Vorteil hatte der Länderwechsel, das Telefonnetz funktioniert wieder, die Preise sanken noch tiefer.
Am nächsten Tag wollten wir es noch einmal gemeinsam versuchen. Ich nahm aus Bequemlichkeit in Widim, einfach keine Lust mehr weiter zusuchen, das erst beste, welches bestimmt überbezahlte und alternativreiche Zimmer, ging, nach einer heißen Dusche, runter zur Donau und setze mich auf ein kleines Restaurantschiff, dachte viel über die Hintergründe der Reise nach.
Die beiden gingen hinter einer Tankstelle zelten.

Gründe der Reise.
Es gibt immer, sicherlich nicht nur einen Grund, die eine Reise, die den einen Aufwand den Du betreibst, den Du aufnimmst, betreiben musst, mit prägen.
Alleine Reisen ist Aufwand, es ist nicht einfach. Man lässt nicht einfach, ohne Gedanken, sorglos, seine Familie, egal wie sie ist, sein angestammtes, vermeintlich sicheres Umfeld, seine Heimat, den Platz wo sein Herz schlägt zurück.
Es ist Aufwand sich aufzumachen, aufzubrechen.
Für mich ist es morgens beim packen, vor dem neuen Start in den neuen Tag, den Aufbruch ins Unbekannte immer ein Aufwand, eine Überwindung.
Aber ich überwinde.
Mal geht es leichter, die Sonne lacht, die Umgebung lädt dich ein, mal ist es schwieriger, der Regen die Wolken, der Himmel ist drückend, die Landschaft grau, der Start ungemein hart.

Wo kommt so etwas her.
Ich danke Dir lieber Peter an dieser Stelle für deinen letzten Brief. Dass ich Dich, mit meinem Tagebuch, so ansprechen konnte. Du, ja Du das denke ich kannst vielleicht leicht(er) meine Gefühle verstehen. Vielleicht haben wir eine ähnliche Geschichte, Mentalität, sind auf der Suche.

Diese Reise, auch damals meine erste Reise Richtung China 2011, wirkte wie eine Flucht vor dem Alltag, aus der Beziehung, aus dem Umfeld.
Aber es ist eine Suche nach einem Weg, einem neuen Weg, eine Suche auf Antworten, auf Zeit, auf Verständnis, eine unterbewusste Begierde auf die gleichen Gefühle, auf die Zeit in denen diese Gefühle die man während einer solchen Reise, einer solchen Herausforderung, unter solchen Bedingungen erstmalig, oft prägend ausgesetzt war, gespürt hatte.
Oft liegt es in der Kindheit begründet. Es ist eine Klausur. Es ist eine Wegfindung.
Sich der Einsamkeit, dem Alleine sein, der Mühe, den Nöten, dem Aufwand der Anstrengung, durch zu halten, durchhalten zu müssen und zu wollen, es zu schaffen, auszuhalten wiederholt sich dem aus zusetzten, den prägenden Gefühlen aus der Erinnerung, der Vergangenheit sich neu zu bewähren, bestätigen.
Klingt scheisse, ist aber ganz einfach, wenn man es verstanden hat und es zu lässt. Es ist ein Reiz des Reisens.
Leider traf es damals in meiner Beziehung auf kein Verständnis, für den Bedarf einen solchen Weg des Reisens zur Wegfindung, zum Verständnis der eigenen Psyche, den eigenen Bedürfnissen, den Fragen auf die Kindheit, zu gehen, gehen zu dürfen.
Selbst unreif, gebunden, nicht abgenabelt, Angst jemanden zu verlieren, selber nichts geben zu können ohne Gegenleistung zu erwarten, zu bekommen, der Tiger frisst das Kaninchen, starb die Beziehung einen Hungertod. Geliebt bis zu letzt.
Den Stein der diese Erkenntnis in sich birgt, meine Geschichte, die mich ausmacht und prägte, auch die Geschichte dieser Liebe, ein großer und wichtiger Abschnitt meines Lebens, der mir auf dem Herzen, im Magen lag, der Stein im Brett, ich fand ihn 2011 auf dem Pamir, möchte ich nun aus Anerkennung, Respekt und Verständnis, da ich ihn ihr nicht geben konnte, dort wieder zurück legen. In Köln hat er keinen Platz gefunden, er hat keinen Platz gefunden.

Mal sehen ob ich das schaffe. Denn es ist noch ein weiter, mühsamer Weg.

( Das ist auch für Dich, an den unbekannten anonymen Schreiber, vor ein paar Wochen. Es ist nicht immer so einfach wie man sich seine Wahrheit zurecht legt, man weiss nicht was einen anderen zu seinem Handeln treibt. Man muss ihn schon fragen, sich mit ihm oder ihr auseinandersetzten. Vieles ist nicht offensichtlich)

An dieser Stelle noch lieber Be.T. dass ich Dich aus dem Verteiler nehme, weil Du in deinem eingeschränkten sehr egoistischen Weltbild nur Deins, deinen Weg siehst, ist doch ok. Die anderen haben so zu sein wie Du. Bin ich aber nicht. Also belästige ich Dich nicht weiter. Reine Zahlen und Fakten können Dir andere schicken.

Okay ich bin zu weit abgeschweift.
Zurück zur Straße.

Am 16.5. von Widin nach Kosluduj 107 Km,
und am 17.5. von Kosluduj nach Gulyantsi 109 Km

An beiden Tagen sammelten sich die Kilometer steig, langsam, mühsam, aber sie sammelten sich. Trotz Berge, widrigem Wetter, Abwechslung durch Gespräche, Motivation brachten uns alle Drei so weit.
Der zweite Tag war noch etwas härter. Zu wenige Versorgungspunkte, kein Platz der frühzeitig zum verweilen einlud. Nach 30 Kilometern, mal ein Cafe, mal ein kleiner Laden.

Bulgarien pur. Was haben es diese Leute hier schwer, keine Arbeit, kein Geld, alles zerfällt, verfällt. Gärten werden gepflegt, Müll aus den Augen aus dem Sinn am Ortrand die Böschung runtergeschüttet (aber auch in Serbien, Kroatien und Ungarn), Häuser, Schulen aufgegeben, Fabriken pleite, nicht Konkurrenz fähig, junge Leute weggezogen, nichts zutun, in Cafes sich gelangweilt. Europa sei Dank. Die Menschen schütteln nur den noch den Kopf.

Aber die Strecke über Bulgarien, trotz der Anstrengung, mehr Berge als auf der rumänischen Seite, war es wert gesehen, erlebt zu haben.

Ein gibt eine auffallende Freundlichkeit in ganz Jugoslawien.
Gulyantsi im und am Ort haben wir keine Übernachtungsmöglichkeit gefunden.
Ein Betreiber eines kleinen Geschäftes organisierte uns eine Schlafmöglichkeit, in einem ganzen Haus, derzeit ungenutzt, offensichtlich Eigentum und Wohnsitz einer bulgarischen Familie die zum Geld verdienen, in Italien verweilte.

Am Morgen des 18.5. nach einem letzten netten Kaffee mit den beiden, verlies ich sie und Bulgarien, fuhr nur gute 27 Kilometer nach Nikopol, dem Grenzort und Fährhafen, wieder mit liebevollen 200 Höhenmetern versehen, setze über, bemerkte mit staunen und lachen wie ein streunender Hund auch auf die Fähre wartete, übersetze und sich auf rumänische Seite trollte.

Ruhetag: 19.5.2019
Turnu Magurele da sitze ich nun. Im Rustic home. Eine liebevolle schöne kleine Pension.
Seit acht Uhr schreibe ich an diesem Tagebucheintrag, nun ist es halb zwei. Ich habe Hunger.

Ps. bei allem Aufwand, Sorgen und Nöten gibt es auf Reisen aber natürlich auch den Lohn für die Anstrengungen:
Die Schönheit der Natur, die anderen Düfte, die Freundlichkeit der Menschen, die Freunde die man kennenlernt, eine neue inspirierende Kultur.

Bilder der letzten Woche,
ohne zeitlicher Sortierung, das Durcheinander hatte mir gefallen

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