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es perl(te) an ihr ab

Dienstag 13. Aug. 19

Es perl(t)e an ihr ab.

Es wird Zeit, das es wieder los geht. 9 Tage in Dushanbe sind zu lang.

Dushanbe, Hauptstadt Tadschikistans.
Sauber, gepflegt, bietet alles. Es wird gebaut. Alte Viertel werden abgerissen, riesige Neubauten werden hochgezogen, über Geschmack kann man streiten, über die anscheinend mindere Qualität eher nicht. Es gibt viele Regierungsgebäude und allzeit sichtbar der winkende Führer des Landes der Präsident des Landes. Emomalij Rahmon.
Plakativ hängt er vor jeder Schule, jedem staatlichen Haus.
Aber irgendwie ist es auch langweilig hier. Gestern wollte ich auf Photosafari gehen. Nach einer Stunde brach ich die Suche nahezu ergebnislos, emotionslos ab.

Auch wenn ich manches gerne noch vor mir her schieben würde – Mensch Houf –
doch noch gibt es einen Grund, zu warten – das Visum Indiens ist noch nicht fertig.

Es setzt mich zu nehmend unter Druck. Ich weiss nicht wie viel Zeit, ich, mein Körper, für den Pamir brauchen. Schaffe ich es körperlich und konditionell die 1280 Kilometer in jetzt nur noch verbleibenden 28 Tagen zu fahren?
Ich möchte die Süd Route zum Pansch fahren, sie ist einwenig länger, aber landschaftlich schöner. Es ist meine alte Route von 2011. Es ist eine wichtige Etappe für mich. Emotional aber auch ganz rational. Es war der Höhepunkt der ersten Reise Richtung China.
Ich war damals von der Kargheit, den ausdrucksstarken Felsen und Gebirgen, der Einsamkeit, dem reißenden Fluss ungemein fasziniert.

Der „Stein“.
Ich bringe ihn nun zurück. Sein Herz liegt auf dem Pamir vor dem Tien Shan Gebirge und er gehört nicht nach Köln.
Zum Verständnis sollte ich dies kurz erklären.
Es ist für diese neue Reise, mit neuen Beweggründen, neuen Erfahrungen, nicht wichtig. Aber es ist ein Detail.

Auf dem Höhepunkt des letzten Passes, bevor es runter ins grünere Kirgistan ging, raus aus dem Pamir fand ich einen Stein, der für mich alles in sich barg was die Reise für mich bedeutete. Ich erkannte nicht nur die Reise.
Ich blickte zurück auf die Strecke die ich gefahren war, ich blickte zurück auf das was mich bewegte zu dieser Reise, ich blickte zurück auf mein Leben, ich blickte zurück auf die Begleiter in meinem Leben, meine Geschichte und sah meine Sehnsüchte.
Ich nahm ihn auf. Brachte ihn über 17000 Kilometer bis nach Köln und wollte ihn, meiner vergangenen Liebe, Beziehung übergeben.

Sie nahm ihn nicht an.

Wir hatten unsere Beziehung schmerzlich aufgegeben, sie verhungern lassen, hatten dem Anderen nicht den Raum gegeben den er brauchte. Uns fehlte die Kraft. Hatten nicht über unsere Bedürfnisse geredet. Große Chancen vertan.
Es wäre allerdings sehr falsch diesen einen Stein alleine nur dieser einen Frau zu münzen.
Das tue ich auch nicht. Nein – Der Stein ist ein Zeitzeichen, er birgt mehr die Momente, Erinnerungen, Erfahrungen und Erkenntnisse die ich gewonnen habe, die ich in meinem Leben gemacht habe. Er birgt mich.
Der Stein im Brett, der Stein auf dem Herzen, der im Magen, einer voller guter Erinnerungen.

Beziehungen in meinem Leben:

Nun die Drei Beziehungen…
waren es vielleicht die Wichtigste Liebe, die Größte Liebe und die Beste Liebe?
Die wichtigste Erkenntnis, Ereignis, Liebe in meinem Leben kam erst als ich dazu bereit war.
Ich musste davor dafür durch die Hölle gegangen sein und gute vierzig Jahre alt werden.
Alles vorher war larifari, Schein, Trug, verblendet und blöd.
Ich war vorher unfähig zu fühlen, zu spüren, zu verstehen, zu vertrauen, zuzulassen, zu lieben.
Ich hatte das nicht gelernt. Dem entsprechend konnte ich es auch nicht zeigen, geben, zulassen.
Den wichtigsten Wandel brachte meine Weinprinzessin.
Den größten Wandel brachte Perle, Nähe, Tiefe und Hingebung.
Der beste Wandel kam unerwartet mit Vertrauen, Zuversicht, Verlässlichkeit und Beständigkeit.

Vielleicht stand die größte Liebe, eine andere, vorher schon mal neben mir, ich habe sie aber nicht wahrnehmen können, war zu beschäftigt, hatte nicht die Antennen, habe sie nicht gesehen, hatte zu viel Schiss, wer weiss?
Es gibt auch das Verhängnisvolle. Das man sich nicht traut zu riskieren, weil man sich vielleicht unsicher ist, der Konsequenzen bewusst oder unsicher. Vielleicht gehen damit die größten Lieben an einem vorbei – man wird es nicht erfahren, bevor man sich nicht traut, es zu lässt.

Genug damit.

Ich bringe nun den Stein dort hin zurück, wo er für mich gefühlt hin gehört, auf den Pamir.

Und dann etwas für meine Mutter, nicht für sie alleine, aber ihr möchte ihr die Zeilen, das Gedichts Rilkes “Du musst das Leben nicht verstehen“ widmen, denn in dem Gedicht klingen ihre Worte, zeigen sich Bilder ihrer Lebenseinstellung. Kann man von lernen.

Du musst das Leben nicht verstehen,
Dann wird es werden wie ein Fest.
Und lass dir jeden Tag geschehen
sowie ein Kind im Weitergehen
von jedem Wehen
sich viele Blüten schenken lässt.
Sie aufzusammeln und zu sparen,
Das kommt dem Kind nicht in den Sinn.
Es löst sie leise aus den Haaren,
drin sie so gern gefangen waren,
und hält den lieben jungen Jahren
Nach neun seine Hände hin.

Jetzt harre ich hier gespannt auf meine Weiterfahrt.

Also gehabt euch wohl.

Thomas (te)

Im September werde ich in China sein
Im Oktober hoffentlich in Pakistan,
Im November wahrscheinlich in Indien
Und im Dezember in Nepal, Weihnachten Silvester in Kathmandu, Phokara
Wer weiss.

Liebe Bina, Sylke und Manfred…dann wird die Zeit kommen uns auf unser 25 jähriges Fest zu freuen.
Januar – werde ich noch in Indien (das 2x mal) sein
Februar – Myamar
März – Thailand Kambotscha
April Laos / Vietnam
Anfang Mai müsste ich da sein ..wie vor 25 Jahren

Wir werden es sehen. Sehen jetzt nur schon noch besser aus.

 

neun Tage

Neun Tage

Grüner Tee auf der überdachten Terrasse, ein kleiner Flecken Wiese vor mir, Zeit und Möglichkeit mit den Tagesberichten zu beginnen. Nach neun Tagen.

Ich wollte mit meiner Einfahrt nach Tadschikistan beginnen, die Grenze von den Russen vor ewigen Jahren neu gezogen liegt direkt vor den aufsteigenden Bergen. Aus Usbekistan kommend kündigt sich Tadschikistan mit prächtigen, stolzen Massiven an. Staune. Die Rücken der schroffen Felsen oft karg, vor hundert Jahren kahl geschlagen, Bäume und Grün findet man nur in den bewirtschafteten Flächen, nah der Dörfer, nah der Straßen, aufwendig über tausende kleine Kanäle, Aquädukte mit dem wertvollen Nass aus den Bergen versorgt.

 

Ja und dann begann am 2 August meine ersehnte Fahrt nach Dushanbe, der Hauptstadt Tadschikistan. Endlich.

Nach ein 2,5 Wochen ohne Training spürte ich meine Knochen, die verweichlichte Muskulatur versagte fast, die geringe Kondition dämpfte die Geschwindigkeit. Es tat meiner Freude und dem Genuss den Wandel der Flora der Landschaft wieder zu sehen, Erinnerungen an meinen letzten Besuch wurden wach, aber keinen Abbruch. Neben den Unmengen an Aprikosenbäumen, sie sind gerade reif, ihre Früchte werden am Straßenrand angeboten, werden in der Sonne getrocknet, stehen die schlanken Pappeln, sich im Wind zitternd, rufend, spitz, von weitem sichtbar auf ein Dorf, auf eine bewohnte bewirtschaftete Fläche hinweisend.

Einzigartig.

Ja und dann kamen Kinder. Immer, alle, jedes kam angelaufen, wenn es einen erspäht hatte, rief „hello, hello, hello“. Sie möchten den vorbeifahrenden Radfahrern die Hände abklatschen, zum verweilen animieren, wissen woher man kommt „ откуда, откуда, otkuda, woher, woher kommst Du?Es ist eine Freude. Nur wenige nerven, nur selten war ich zu müde zu antworten. 68 Kilometer am ersten neuen Fahrtag. Ich finde auf Umwegen ein nettes Hostel, endlich nach langer Zeit ein gescheites Wifi, Wlan Netz, nehme einen Film auf den ich schnell und unkompliziert auch noch hoch laden konnte.

(https://www.facebook.com/395639377897693/videos/483045242263817?s=100000786791385&v=e&sfns=mo

) Just in diesem Moment des Schreibens kommt ein Nachricht von einer Freundin rein, die geschickt, nach diesen neun Tagen darauf hinweist, dass es Zeit ist die Gedanken zusammen zu fassen, sie befürchte, dass ich vielleicht zu viele schöne Details vergessen könnte. Wie Recht sie doch hat.Auch das Konzept meines heutigen Tagebucheintrags ist mir jetzt schon etwas aus dem Ruder gelaufen. Ich erinnere mich wie ich beginnen wollte, was ich zu welchem Zeitpunkt erwähnen wollte, wie ich den Stimmungsbogen aufbauen wollte. Es hat nicht geklappt. Zurück zur Straße, dann doch chronologisch, Tag Zwei. 78 Kilometer mit vielen Steigungen und langen Abfahrten bis zu einem Wildcamping Platz.Wir bekamen…ach ja wir, Antonia, vergaß zu erwähnen, eine junge Frau, begleitet mich, oder ich sie, unterwegs eine reife, große Honigmelone geschenkt. Gewicht, Gewicht. Für die tadschikischen Männer bin ich mit ihr verheiratet, nicht mit der Melone, um lästigen Angeboten und Fragen zu entgehen, es ist, wäre meine Dritte Ehe. Dann sorgte ich an dem letzten kleinen Magazin noch für genügend Getränke, Wasser zum kochen, Wasser für den Frühstückskaffee, Wasser für die nächsten ersten Kilometer am kommenden Tag. Fünf Flaschen. 7,5 Liter / Kilogramm plus die Melone. Nach einem anstrengenden Tag zwingt mich das zusätzlich Gewicht an den letzten Steigungen fast in die Knie. Der Zeltgrund, der Campspot auf I Overlander gefunden, eine App mit zusammengetragenem Wissen und Erfahrungen von Fahrzeugfahrern, war alles andere als romantisch, aber abgelegen, trocken und sicher. Und langweilig.Langweilig empfinde ich auch den heutigen Text. Da mache ich mir während des Schreibens darüber Gedanken wenn ein Bekannter (P.) sagt es wäre ihm zu langatmig. Neun Tage kann und will ich auch gar nicht beschreiben, nur wenn ich euch bestrafen wollte, könnte und ihr auch wirklich alles lesen müsstet und würdet.Also knapper heute.(Da macht sich der Schreiber zum Untertan des faulen und eigentlich nicht interessierten Lesenden)Der Dritte Tag hatte wieder alles was ich erwartet, erhofft hatte, gab mir das was das Reisen, was das Radreisen ausmacht. Der Kontakt zu den Menschen, die Nähe, die viele Zeit die Atmosphäre vor Ort einzuatmen, aufzunehmen, sich drin zu baden. Einzutauchen. Ich konnte die Bergwelt, die unglaublichen Formationen, die Spuren der Erosionen, die Spuren die die Kraft des Wassers hinterlässt bestaunen. Wir stiegen in einer der niedrigsten Absteigen ab. Kleine Räume, ein Hockklo am Ende des Gartens, ein Baderaum mit kaltem Wasser aus einer Regentonne und sehr heißem, Holz gefeuertem, erhitztem Wasser. Ich trank Tee mit der Großmutter des Hauses, saß draußen bei den Kindern, sah den Frauen beim nähen, waschen, den Hausarbeiten zu. Die Unterschiede in den sozialen Verhältnisse in Tadschikistan sind gewaltig. Monatseinkommen von 50,-€ bis 100,-€ sind keine Seltenheit. Menschen, Kinder, junge Mädchen, es war in der Mittagshitze, direkt vor der Hauptstadt, schlugen aus abgelagerten Bauschutt Moniereisen, verkäufliche Metalle, schlugen und gruben mit Hämmern und Hacken, schoben bis zur vollkommenen Ermattung Karren. Daneben fahren hier teure neue Marken Fahrzeuge zuhauf rum. Sieht man Reichtum, weniger, an allen Ecken. Mein Mittagessen in Dushanbe, in einem normalen, gutem Restaurant, kostete schnell mal 8,- bis 10 $. Anfahrt auf Dushanbe. 5.AugustNein ich bin nicht den Anzorbtunnel und auch nicht die 20 Kilometer Steigung mit 8 % bis 12%. Das hätte ich nicht geschafft und den Tunnel nicht überlebt!Der Tunnel ist gute 5 Kilometer lang, stark befahren, nahezu ohne Licht und er hat keine Lüftung. LkWs, Kohletransporter. Die Sicht ist katastrophal, Fahrzeuge überholen, blind, Fahrzeuge fahren ohne Licht, der Geräuschpegel infernalisch, die Luft zum schneiden voller aufgewirbeltem Dreck. Für Motorradfahrer gesundheitsschädlich, für Radfahrer tödlich. Ich denke das Risiko in dem Tunnel überfahren zu werden liegt bei 50/50 oder vielleicht sogar 80/20.Also wer nicht im Tunnel sich Schmerzen zu fügen möchte, der soll es so wie ich machen, nehme ein Taxi oder trampe durch, beginn nach dem Tunnel mit einer genussvollem, Aussichtsreichen, 70 Kilometer langen Abfahrt und verheddere Dich bei über 40 Km/h mit dem Vorderrad in einer Ausbesserungsstelle im Asphalt und stürze. Schürfwunden an Knie, Ellbogen, Hüfte, Rippenschmerzen und einen ganz ordentlichen Schrecken habe ich mir so selber zugefügt. Die vordere linke Gepäcktasche hat einen kleinen Riss abbekommen, der Rest ist aber alles heil geblieben.

 

Dushanbe.

Ich wohne privat.

Ein „Warmshower-Host“ zu deutsch, ein Gastgeber der Reisenden ein Bett und eine warme Dusche anbietet.

Da bin ich jetzt schon dankbare 4 Nächte.

Hier bereitete ich meine Unterlagen für das indische Visum vor, konnte Wäsche waschen, eine neue Sim-Karte kaufen, Gepäck aus sortieren und unbesorgt lecker essen gehen.

Wie man sich irren kann. Die Bakterienstämme hier in den „Stans“ sind so unterschiedlich, uns so fremd, dass im Grunde jeder Reisende mal Durchfall bekommt.

Bei mir brach das Gewitter vorgestern Nacht aus, stundenlang. Das Entleeren, die Krämpfe, den Zitter, die Kälte und Frostgefühle bei 30°C Raumtemperatur, muss man überstehen, dann aushungern. Ich esse seit 2 Tagen nichts, aber auch gar nichts mehr und hoffe bald wieder zu Sinnen zu kommen.

Die Unterlagen für Indien, ich musste neue Passbilder anfertigen lassen, größer, habe ich abgegeben. Eine Express Bearbeitung kennen sie nicht, haben die Damen und Herren der Botschaft noch nichts von gehört.

Jetzt heisst es warten, bis ich das Visum bekomme, bis ich losfahren kann.

Losfahren in den Pamir. Untrainiert. Abgemagert. Das soll mir erstmal einer nachmachen.

 

https://www.youtube.com/watch?v=paimTyp83_8&list=PLRv06bGnz60L9IrSjP-W4xATFAxQugmMp&index=4

 

Mein Bart muss bald ab

 

Sechster Tag in Samarkand.

28.7.-30.7.2019

Hin und wieder schlendere ich durch Samarkand,
blicke in Hinterhöfe,
sehe die Menschen verweilen, reden, an ihrem Haus schaffen, Essen vorbereiten, Tee trinken.
Die für den Tourismus, die breite Masse vorbereiteten Plätze, Medrassen, Mausoleen und Moscheen, die neu gepflasterten Wege, Alleen gleich, gesäumt mit jungen Bäumen und kräftigen immer durstigen Gras, Hauptachsen durch einen Knotenpunkt der Seidenstraße, steuere ich hin und wieder an.

Ich komme mir seltsam fremd hier vor.
Hunderte wenn nicht tausende Usbeken, Einheimische, bestaunen, besuchen mehrheitlich die Sehenswürdigkeiten, die auf gefrischten, rekonstruierten Überbleibsel aus den letzten fünf Jahrhunderten.
Der Tourist, der Besucher wird genauso bestaunt, mit Blicken verfolgt, angesprochen, „Hey Mister where are you from, whats your name“?

Lange Zeit verbringe ich in meinem Hostel, lasse die Mittagshitze, das schlechte, grelle, steile Licht vorbeiziehen, für ein paar Photos die ich gerne machen möchte, Momentaufnahmen, von meiner Stimmung beeinflusst, versunkene Gedanken und Gefühle.
Der zentrale Innenhof, Zuweg zu allerlei Kammern, Räumen, der Küche, dem großen, für fast alle Platz findenden Esstisch, Treppen zu weiteren Schlafzimmern, zarte Bäume mit großen Blattwerk, Weinreben, ein paar Sträucher füllen einen großen Teil in der Mitte des stillen Refugiums aus, ist der hauptsächliche Verweilort der Reisenden, der Fahrradfahrer und Rucksackreisenden.
Es wird immer Tee gereicht, Chai, grüner, schwarzer.
Das Internet ist langsam, sehr langsam. So langsam, dass ich nicht an meinen Blog arbeiten, meine Tagebucheinträge nicht selbst hoch laden kann.

Ich höre, erfahre Geschichten aus meiner Heimat, aus meiner Nachbarschaft. Umstände, Geschehnisse, Entwicklungen. Unaufhaltsam so scheint es.
Zwei Freunden, alte Bekannte, Freunde, väterliche, geht es schlecht. Hilflos, sprachlos sitze ich hier, morgens beim Tee, abends beim Bier, bin mit meinen Gedanken, Wünschen und Segen bei Ihnen, trockne still meine Tränen. Es macht mich betroffen, es stockt meinen Atem. Fühle mich ohnmächtig. Ich kann nichts tuen, nicht helfen, nichts ändern. Zwei. Zwei Männer leiden, kämpfen gleichzeitig, haben Hoffnung, kennen sich nicht.
Ich habe sie beide lieb gewonnen. Bin dankbar sie zu kennen, kennen gelernt zu haben, zu wissen dass ich in ihren Herzen einen Platz habe. Es bedrückt mich.

Jetzt sitze ich hier in Samarkand, stehe vor der Einfahrt nach Tadschikistan, vor dem Pamir, vor einem zentralen Punkt meiner Reise, vor drei Monaten war es noch unfassbar weit weg.
Meine Fahrt stockt. Es ist nicht schlimm, ich habe etwas Zeit, habe durch die Fahrt mit dem LKW viel Zeit gewonnen.
Ein Umstand der mich auch zum weiteren verweilen veranlasste, Erlangung des pakistanischen Visum, es ist online zu bekommen, die Applikation, das Auftragsformular ist aufwendig. Ich hatte Schwierigkeiten, es war undurchsichtig, letztendlich nach drei Tagen habe ich es bewältigt, den Antrag abgegeben, bezahlt. Nun warte ich nur noch auf die Antwort.

Meine Gedanken kreisen.
Haben wir bewusst gelebt? Sind wir unserem Herzen gefolgt? Haben wir das was wir sagen wollten, gesagt? Haben wir das was wir tun wollten getan?
Fragen die ich mir damals auf meiner ersten Reise Richtung China oft gestellt habe.
Fragen die ich mir, dem Leben, meiner Familie, meiner Partnerin damals nicht oft genug gestellt habe, zu selten dran gedacht, dessen Antworten vieles verändert gehabt haben könnten.
Erkenntnisse, Antworten, Einsichten darauf, die ich auf dem letzten Pass des Pamirs vor der Einfahrt nach Kirgistan, rückblickend, erfahren habe, glaube verstanden zu haben.
Eine Antwort.
Es läuft einem nichts länger nach als eine verpasste Gelegenheit. Eine Gelegenheit jemanden in den Arm zu nehmen, sich zu entschuldigen, jemanden zu sagen dass man ihn liebt, für jemanden da zu sein, Fehler gemacht zu haben, jemanden zu vermissen.

Vertane Zeit.

Es ist nicht zu wenig Zeit, die wir haben, sondern es ist zu viel Zeit, die wir nicht nutzen. ~ Lucius Annaeus Seneca. Die Zeit heilt alle Wunden, aber sie ist eine schlechte Kosmetikerin.
~ Mark Twain

Ich lese viel.
Eine tragische Geschichte, eine sozial Studie, wortreich, gewaltige Bilder, dramatische, traurige und erschreckende Begebenheiten, menschliche Eigenarten.
Es legt sich auf meine Stimmung. So kommt, passt, fügt sich das eine zum anderen.

Ich schreibe.
Ich schreibe weil es mir hilft zu verstehen, es mir hilft zu verarbeiten, meine Gedanken zu sortieren.
Th

Bhukara – Samarkand 23.7.-27.7 2019

Eine große Unruhe ist aufgekommen. Eine unbestimmte Suche.
Ich war vier Tage in Bhukara und bin jetzt 3 Tage Samarkand.
Ich wollte hier in Samarkand in Ruhe mich um das Pakistan und Indien Visum kümmern, doch die Datengeschwindigkeit ist so gering dass alle Bewerbungsvorgänge im Netz zu früh abgebrochen werden.
Moscheen, Medrassen aus dem 15. Jhr. aus dem 16. Jhr. blau lasierte Kachel, Geschichte aus tausend und einer Nacht, aus vergangenen Jahrhunderten.

Die Stadt konzentriert sich auf die Besucher, auf die Touristen, alte hässliche Fassaden, alte einfache Wohnhäuser, alte Wohnviertel werden hinter hohen Mauern versteckt.
Der Registan war für mich die letzten Tage immer verschlossen. Proben für ein Ensemble, Proben für eine besondere Show zur Nacht.

Ich habe auch gar keine Lust mehr die mir vorgesetzten Sehenswürdigkeiten zu besichtigen.
Samarkand ist mir von meiner ersten Reise sehr wohl bekannt, ich verspüre keine neuen Reize.
Ich schlendere lieber durch die Seitengassen und über den Markt. Treffe auf beschäftigte Menschen und einen traurigen Raben. Er ist angebunden.

Doch diese Unruhe die meine Gedanken bewegen, eine Suche nach dem wie es nun weitergeht, treibt mich, bringt mich aus dem Rhythmus.
Ich bin jetzt schon lange kein Fahrrad gefahren. Erst mit der Fähre übers Meer, dann mit einem LKW durch die Hitze, Wüste.

Tadschikistan steht an. Letztes mir bekanntes Land Richtung China, Richtung Osten.
Ich habe noch keine Garantie, ohne die Visa, wie es danach weitergeht.

Und doch muss es etwas anderes sein dass mich nicht zur Ruhe kommen lässt. Mich anspannt.
Ich kann mich nicht entscheiden, einfach morgen weiter zu fahren, oder vielleicht einen Tag später.

und dann ging alles ganz schnell…

13.7.2019 Baku
14.7. 2019 Fahrt nach Alat
15.7. 2019 Alat
16.7. 2019 Abfahrt Fähre…
17.7. 2019 Kuryk in Kasachstan angekommen
18.7. 2019 Kuryk am Zoll

19.7.2019 Grenze Usbekistan erreicht
20.7.2019 LKW Fahrt
21.7.2019 Bhukara
22.7.2019 Bhukara

Es kostet soviel Zeit.

Ich kann nicht jederzeit schreiben,
ich muss mich sammeln, brauche Ruhe und vermeide Ablenkung.
Ein Buch muss ich manchmal zuerst zu Ende gelesen haben, ein Kapitel beendet, eine Arbeit erledigt, Ungelöstes recherchiert, Fragen beantworten haben, dann kann ich mich hinsetzen und schreiben.
Schreiben kostet, mich, Zeit. Sehr viel Zeit.

Und diesmal hat es lange gedauert bis ich wieder zum schreiben kam, hatte kein Netz, kein Platz, keine Zeit, keine Möglichkeit gehabt.

Es ist viel passiert.
Und um diesen Tagebuch Eintrag verständlich zu halten, teilte ich ihn diesmal nicht, um den Zusammenhang der Geschehnisse zu erhalten, auf. Gebt euch Mühe, wen es interessiert wird es die Mühe wert sein, wird es mühelos lesen und verstehen.

Habt Spass, geniesst es…

Sonntag 14.7. 2019 Fahrt nach Alat

Auf einmal ging alles ganz schnell.

Der Zeitpunkt der Trennung von Christoph kam unweigerlich und unvermeidbar.
Ist so. Und auch wenn es so klar, so bewusst, so unweigerlich war, unaufhaltsam rückte dieser unbekannte nicht näher bestimmte Zeitpunkt der Trennung. Er beeinflusste unterbewusst unser Handeln, unseren Rhythmus, bestimmte den Drang des Aufbruchs, bestimmte das Ticken der innern Uhr, die dir die Pausen, die Fahrtage, die Lust und den Verdruss beschert.
Hätte es einen Unterschied gemacht ob ich 28 oder 29 Tage hinter meinem Zeitplan gewesen wäre?
Jeder beleuchtete seine Argumente für sich, beschloss, verwarf, änderte seine Meinung wieder und wieder. Wir einigten uns dann zwar auf eine Abfahrt schon für den nächsten Tag, aber dafür langsamer und später.

Hinaus ging es aus der Stadt, entlang der Uferpromenade, entlang des Formel Eins Kursus, entlang kleiner Ölfelder, entlang diverser Firmen und Fabriken, Werften die sich dem Ölgeschäft verschrieben haben.
Knochentrockene, lehmbraune Landschaften, auslaufende Hügel, sandig, knochige Sträucher, vereinzelte Ziegenherden, an einen Western anmutende Vororte, Autoreparaturwerkstätten ziehen wie in einem Zeitraffer an uns vorbei.
Rückenwind, der Tritt ist kräftig, aber nicht auslaugend, die Distanz ist kurz, ein Mittagessen, ein letztes Mittagsmahl, ein paar Photostops unterwegs, Gedanken kreisen, es ist gut warm, der Himmel vor uns ist dicht bewölkt, undefiniert, grau, dunkler, wir fuhren drauf zu, tauchten unter diesen Deckel.
Die letzte Entscheidung, campen wir noch einmal zusammen oder geht jeder nun seinen Weg, Entscheidungen, Fragestellungen, Bekanntmachungen, stand noch aus.
Ich sehe eine Fähre in der Weite, in dem vermuteten Hafen liegen, könnte sie vielleicht noch erreichen, könnte noch andere Reisende die übersetzen erreichen.
Wir trennten uns. Christoph zieht es in die Berge, zieht es in den Iran. Ich möchte die Chance nutzen noch einen Platz auf dem Schiff zu ergattern.

Hände auf den letzten paar hundert Metern gehalten, gefühlt, den Menschen, den Anderen gefühlt die Hand gereicht, die Hand genommen, gemeinsam gegangen, begleitet, miteinander erfahren. Es war ein gutes Gefühl.
Die Umarmung zur Verabschiedung danach, sie war nicht notwendig, sie ist üblich, sie war auch gut, es wird sich umarmt, doch gesagt war alles, die Hand, der Händedruck, der Blick nach vorne auf dem Rad und mit jemanden an der Hand. Begleitet. Begleitet bis dort hin, bis an die Abfahrt.

Gedanken an Händehalten.
Den unterschiedlichen Griff, einzigartig, wie die Fingerchen der Kinder greifen, wie man die kleinen Hände hält, wie groß und Kraft gebend, Sicherheit, die des Vaters, wie behütend und anders die der Mutter, wie elektrisierend die der Geliebten, der Händedruck, die Haut, die Wärme, die Feuchte.
Der Griff sagt aus, halte mich, ich halte Dich, nimm mich mit, komm mit, gemeinsam, gezogen, geführt, gehalten, unterstützt. Hand geben, Hand reichen, Hand halten.
Unser Handhalten auf den letzten hundert Metern war ein gutes Gefühl.
Ich möchte Deine Hand halten.

Der Bogen von der Schnellstrasse runter, plötzlich gegen den Wind, ich trete, fest, schnell, ein Spurt. Eine Fähre liegt im Hafen. Fährt sie nach Aktau, nach Kasachstan? Auf den letzten Metern, auf den letzten Minuten will ich dieses Schiff nicht verpassen.
Es war längst weg. Das was da lag, fuhr nach Turkmenistan. Nicht meine Richtung.
Das Ticketoffice nannte ein Übermorgen als nächste Abfahrtzeit, des nächsten Schiffes, nannte den Dienstag den 16. Juni. Eine Uhrzeit wird keine genannt.

Das Restaurant, eine Imbissbude schloss um halb zehn, es gab nur zwei Gerichte zur Auswahl, ein kleiner Container für die notwendigsten Einkäufe stand daneben, Klopapier, Säfte, Kekse, Ayran, Wasser, gefrorene Hühner, Hühnerteile, Eier. Kein Alkohol, kein Bier.
Ich stellte mein Zelt hinter den Sanitärcontainer, neben dem Ticketoffice, neben einem Büro des Zoll`s auf.
Einzelne Reisende, mit Motorrad, mit Auto, ein Österreicher, zwei Deutsche, Franzosen kommen und gehen, informieren sich, konnten sich nicht entschließen. Drei Radler, Bikepacker, minimales Gepäck, Gewicht, junge Franzosen, kamen und blieben.
Sie wollen auch nach Aktau.
Joseph, Fabien, Antoine. 190 Kilometer sind sie an diesem Tag gefahren, beeilten sich, wollten auch noch ein paar Freunde treffen, auch sie kamen zu spät.

Der Platz ist von hunderten LKW`s umlagert, sie kampierten zwischen ihren Zügen, schliefen in den Führerhäusern, kochten und aßen in kleinen Gruppen, gemeinsam, spielten Backgammon, langweilten sich, saßen teils über 10 Tage dort schon fest.
Der Duschcontainer, 4 klapprige Kabinen, die Türen keine Schlösser, die Duschtassen stehen frei auf ein paar Ziegelsteinen, der Schmutz fällt daneben, gebrauchte Rasierer, Haare, brackiges, verseiftes Wasser umgibt den Boden. Daneben ein Toilettenwagen, auch mit vier Kabinen, da drin Steh,- bzw. Hockklos, – kein Papier, kleine Wasserkannen, vergleichbar mit kleinen, bunten Blumengießkannen, stehen in der Ecke neben der Tür, eine tropfende Wasserleitung füllt diese beständig wieder auf, sollen den Dienst übernehmen. Der Zustand ist schmutzig, sehr schmutzig, bis oben hin voll, voll daneben, man steht im Wasser, in der Scheiße.
Nach dem Toilettengang geht man auf die Rückseite des Containers, da steht eine weitere Eck-Duschtasse, erhöht, im Freien. Sie dient danach zum Hände, Füße und Schuhe waschen.
Zwei Tage Wartezeit hat man uns in Aussicht gestellt, bis die nächste Fähre uns mitnehmen wird.

Montag 15.7. 2019 Alat, Aserbaidschan.

Die Nacht im Zelt war angenehm. Die frühe Sonne weckte mich, wärmte das Zelt, heizte es auf, vertrieb mich aus dem Bett.
Francoise, Francoise und Francoise, ich hatte ihre Namen zwischenzeitlich vergessen, wollten den Tag nutzen in die benachbarte Stadt zu fahren, etwas einzukaufen, sich die Zeit zu vertreiben.

Ich verbrachte sie lesend, schlenderte zwischen dem kühlen Imbissrestaurant und dem immer kleiner werdenden Schattenplatz neben dem Zollgebäude hin und her.

Gegen Nachmittag wollte ich mich im Office nach dem neusten Stand erkundigen. Quittung gegen Ticket tauschen, Abfahrtzeiten erfahren.
Man drückte mir das Ticket in die Hand und sagte, das ich mich spätestens um 22:00 vor der Abfertigung einzufinden habe. Gut – dachte ich mir, es geht einen Tag vorher los.
Ich packte meine Sachen, mein Zelt, sortierte die Taschen so, dass ich nur noch eine Tasche mit in die Kabine schleppen brauchte.
Gegen 20:00 fanden sich auch die Franzosen ein, wir gesellten uns zusammen, kauften noch mal Bier an einem entfernter liegenden Markt, Vorrat für die nächsten 2 Tage.
Ab 21:00 warteten wir in der Nähe der Abfertigung, weitere Reisende kamen hinzu, Fahrer der Mongolralley, Autoreisende und sogar ein Bekannter von mir, Conrad aus dem Kreis Daun, mit einer kleinen Reisegruppe auf dem Weg zur Seidenstraße.

Dienstag 16.7. 2019 Alat, Aserbaidschan.

Das Bier war gegen 3:00 Morgen alle, ich rollte meine Isomatte aus, legte mich den Mücken zum Fraß vor, nickte ein paar mal kurz ein, bis ich um 4:30 aufgab und mich wieder zu den anderen an ihren Klapptisch setzte. Ihren Gesprächen konnte ich nicht mehr folgen, sie hatten noch eine Flasche Wodka aufgetrieben, die sie jetzt kurz vor dem Zähneputzen noch teilweise verköstigten.
Um 7:00 konnte ich mich zur Abfertigung begeben. Das ganze Gepäck wurde gescannt, dann konnte ich auf Schiff.
Nachdem ich das Rad, in dem hohlen Bauch des Schiffes, es gab noch kein weiteres Fahrzeug auf dieser Etage, abgestellt hatte, kontrollierte man mein Ticket und ein Mann im blauen Overall übernahm meinen Reisepass. Weg war er.
Eine kleine Türe, Luke, führte zu einer extrem steilen Treppe, eine Eisenleiter die in die oberen Stockwerke führte.
Keine Schilder, keine Anweisungen, nichts Erkennbares führte mich irgendwo hin. Ich gelangte auf die Rückseite der Küche, der Personalräume, auf verwaisten Etagen, auf das Oberdeck, an den Maschinenraum, vor eine verschlossene, verlassene und leer geräumte Bar. Das Schiff kann sich an seine Glanzzeiten selber schon nicht mehr erinnern. Vorhänge wehen vor vergilbten Bullaugen, braun, ehemals gelbe Teppiche und Polster, abgewetzt, speckig, glänzen und strahlen den Charme der verbrauchten Achtziger aus.
Der Boden wellig, lackierte Flächen, braunes Linoleum, Holzimitate, schmierig, ölig, Rost platzt, sprenkelt sich braun, matt über alle Anstriche.
Ich hörte Stimmen, folgte ihnen eine Treppe runter. Hinter einem Schalter stand eine Frau, zersaust, blond, russischer Charme, dunkle spitzfindige, neugierige Augen, selbstsicher und bewusst, gab Kabinenschlüssel, Bettwäsche aus. Augenkontakt. Sie wird gerufen, antwortet, gibt Befehle, Anweisungen. Noschka. Sie behält alles im Blick, kontrolliert, sondiert.
Es wurde verboten die eigene Dusche zu benutzen, Papier ins Klo zuwerfen, keine Zigaretten, es wurde ermahnt pünktlich zum Essen zu erscheinen, das Essen an der Theke sich abzuholen, das gebrauchte Geschirr zurückzubringen.

Noch war ich alleine in meiner Kabine. Dann wurde mir Abil, ein aserbaidschanischer LKW Fahrer zugeteilt. Er ist dicker als ich,- kleiner – ich habe ihm das Etagenbett über mir überlassen. Hoffentlich hält es.
Wir finden schnell und gut zusammen. Es gibt nur einen Schlüssel. Mal hat er ihn. Mal ich.
Mal will er an der Steckdose sein Telefon laden, mal ich den Computer.

Ich schlaffe dreimal, zwischen den pünktlich abzuholenden Mahlzeiten, in der Kabine ein.
15:00 Uhr wurde ich wieder wach, das Schiff hatte unmerklich vom Pier abgelegt und sich auf Fahrt begeben.
Der einzige erhaltende Lebenssinn den dieses Schiff, diese Fähre hat, ist fahren, weiterfahren so lange es geht. Stoisch, anteilslos, apathisch. Die Schwächen, das Rheuma, die Risse und Brüche ignorierend.
Solange der Kahn dicht ist, die Motoren laufen, wird er fahren, wird sie, Noschka, resolut, charmant die Bettwäsche, die Kabinen austeilen, den Spül sortieren, die Reisenden im Zaun halten.

Die Nacht bricht ein.
Monoton, das Rauschen der Ventilatoren, das Stampfen und Dröhnen der Motoren, der Wind geht unablässig über das Deck, Niemand geht spazieren.
Langsam gehe ich um das Schiff, kann nicht schlafen, will die untergehende Sonne sehen, schaue in die Ferne, über das matt blaue, graue, bewegte Wasser.

An der Reling spürte ich den Aufbruch, Aufbruch in die Ferne, das Gefühl der Unsicherheit, die Irritationen des Unbekannten, das beginnende Abenteuer, es trifft das Herz, den Magen, die Seele, es prickelt, die Spannung steigt, man ist angespannter, aufmerksamer, empfindlicher. Ein Abenteuer – ist ein Unterfangen mit ungewissem Ausgang.
Der Aufbruch ins Unbekannte. Alles ist neu hier für mich. Ich sehe Bilder, erinnere mich an Gefühle meines ersten Ausbrechens aus dem Alltag, meiner ersten Fahrt Richtung China.
An Gedanken, Worte, Momente.
Mein Ausbrechen damals eine Suche, eine Suche nach mir, wer ich bin, was ich will, was ich brauche. Unmerklich langsam kam der Drang, das Interesse auf, die Lust des Reisens. Zuerst unwissend einfach geflohen, die Sachen gepackt, hinaus gestürzt, Familie, Freunde zurück gelassen. In einer Beziehung, aus der Beziehung heraus, heraus gesetzt, verlassen, gegangen, zuwenig verstanden, ohnmächtig zu handeln, eine wunderbare Geschichte verdarb.
Ich brauchte eine neue Orientierung, brauchte Zeit, brauchte Zeit zu verstehen, zu lernen, zu erkennen, was mich bedrückte, was ich suchte, was ich nicht verstand. Brauchte Zeit zu verstehen, dass mich die Einsamkeit, fehlende Gefühle, fehlende Nähe weiter in die Einsamkeit, in die Suche trieben.

Durch ein Bullauge blicke ich in die Kombüse, zwei Männer und eine Frau, Noschka, Kartoffeln wurden geschält, Hühner zerlegt, Suppen gekocht, Geschirr sortiert, Gläser abgetrocknet. Noschka möchte ich sie nennen, ihren Namen kenne ich nicht, sehe ihr zu, schaue wie sie sich bewegt. Schnell, zielsicher, konzentriert. Das Abendessen war beendet, die Teller zurückgebracht, der Speisesaal von den Reisenden geräumt, abgeschlossen. Die Arbeit ging für sie in Kombüse weiter. Das Trockentuch in der Rechten, den Teller in der Linken, mit dem Handrücken wischt sie sich den Schweiß von der Stirn, sieht mich, verweilt kurz, spürt den Kontakt, lässt mich weiter schauen, weiß dass ich sie beobachte, dreht sich zur Seite, genießt es, zeigt ihr Profil und trocknet weiter ab. Sie hat hier das sagen. Souverän. Schweißgebadete Anmut. Sie hatte meine Aufmerksamkeit.
Ein Schachzug. Eine Rochade. Schlägt der König die Dame ist er Schachmatt.
Ich gehe zurück in meine Kabine, lese.

Mittwoch auf hoher See 17. Juli 2019

Es geht nach Kasachstan. Nach Osten der Sonne entgegen.

6:45 Uhr oder ist es nach kasachischer,7:45 Uhr nach aserbaidschanischer Zeit.
Der Wecker geht. Frühstück soll es um 7:30 geben….nach welcher Zeit nur ? wir sind mitten auf dem Meer.
Die Merkuri I wiegt sich weiter sanft in den Wellen, Merkuri II ist schon gesunken, habe ich gehört, es rauscht eine Klimaanlage, der Wind pfeift durch das nicht ganz dichte Bullauge.
Es geht nach Kasachstan, nach Aktau, alle sagen Aktau, immer noch Aktau, doch der Hafen heißt Kuryk und Kuryk ist gute 70 Kilometer von Aktau entfernt und was viele nicht wissen, zu spät merken, wenn sie den Hafen verlassen, zu wenig Getränke haben, kein Taxi da ist, der Hafen ist noch mal 20 Kilometer von Kuryk, im absoluten Niemandsland, entfernt.

Ich weiß nichts von dem nächsten Hafen, kenne ein paar Ortsnamen, weiß von Zügen und Straßen, kenne keine Adressen, kenne keine Unterkünfte, habe keine Anlaufpunkte.
70 Kilometer sollen es bis Aktau, 400 bis Bejneu, 600 km bis Nukus, Usbekistan sein. So ungefähr. So sieht es aus.

Das Frühstück, nach dem ich wohl zuerst zu früh da war, die Türen waren noch verschlossen, setze ich mich zurück in meine Kabine, versank in mein Buch, es fesselte mich wieder, die Schriftsprache zieht mich in die Geschichte, Bilder entstehen, Zeit vergeht, mein Aserbaidschaner Abil holt mich, erinnerte mich, bald hätte ich es verpasst..

Das Frühstück, zwei kleine Würstchen, ein Stückchen Ziegenkäse, etwas Butter, eine kleine
Kleine Dose Marmelade, Orange mit Honig, Chai, der schwarze Tee steht in großen Kannen zur Selbstbedienung bereit. Ich gebe mein Geschirr zurück, warte bis ich sie sehe, sie sich zu mir umdreht, mich mustert, ein stummer Gruß, das Tablett abnimmt, aufblickt, meine Hand streift.

Ich gehe wieder auf das oberste Deck, keine Wege sind verschlossen, Luken stehen offen, der Wind weht mit enormer Kraft, kommt direkt von vorne, wieder ist niemand ist da.
Noch ist kein Land in Sicht. Ich mache mir Gedanken über Ferne, Weite, über Entfernungen und dem Hier und Jetzt.
Zu sein, da zu sein, mit allem. Ich habe erstmals ein starkes, kein unbestimmtes Gefühl mich von meiner Heimat, meiner Herkunft weit entfernt zu haben. Es liegt nun hinter zwei Meeren, das Schwarze, das Kaspische, hinter Bergketten, hinter dem Kaukasus, hinter den Karpaten, hinter den Alpen. So weit, so fern und doch ist so vieles so nah, die Bilder von Vergangenem, Herzen, Seelen die einen begleiten.

Es war Zeit für einen Chai, stark gezuckert, zwischen dem Speisesaal und den Kabinen wird er gereicht, dort stehen zwei große Kannen. Lkw Fahrer sitzen da, unterhalten sich, fragen die Weltreisenden woher sie kommen, wohin sie wollen? Viele wollen nach Tadschikistan, auf unterschiedlichsten Wegen, manche wollen noch weiter. Ich will erstmal nur nach Usbekistan, das ist mein nächster Schritt. Ein dunkelhäutiger, symphatischer Kerl zeigt auf, er würde auch nach Usbekistan fahren, nach Taschkent. Nimmste mich mit? Drang sofort aus mir heraus? Kannst Du mich mitnehmen? – breche ich mit russischen, deutschen und englischen Worten hervor.
Er lachte und sagt ja – klar. Wie heißt Du? Ich heiße Thomas und Du? zeige dabei auf meine und seine Brust. Muhammad die Antwort.
Das war nicht zu fassen. Sollte mein Problem von der Grenze wegzukommen schon gelöst sein?

Noschka, die russisch aserbaidschanische Patronin, kam vorbei, rief zur Rückgabe der Bettwäsche auf.
Ich sprach sie an. Die Verständigung über englisch ging sehr gut. Sie schaute auf und fixierte mich tief. Zwei Sachen wollte ich sie fragen, kann ich hier Jemanden finden der Geld wechseln kann? Ich hatte noch aserbaidschanische Scheine, nicht viel, vielleicht umgerechnet 13 $ und wollte sie bitten den LKW Fahrer auch noch mal zu fragen, ob er mein Anliegen wirklich richtig verstanden hatte und es ernst meinte?!
Sie bejahte, sie hatte das Gespräch mitbekommen, sie hatte es gehört, sie war in meiner Nähe gewesen, hatte meine Schritte verfolgt.
Wie viel Manat ich denn noch hätte und wie viel ich noch dafür wolle?
Sie hat etwas bestimmtes, etwas bestimmendes, etwas forderndes. Wir gingen in meine Kabine.
23 Manat. Du weißt – sagte sie, wir sind hier auf hoher See, hier gelten keine Gesetze. Es war mir Recht. Gib mir was Du kannst, was Du möchtest. Alleine mit ihr in der Kabine. Seit Stunden ging sie mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich spürte das mein Herz fester schlug, die Hände wurden feucht, der Atem ging tiefer, ich rang nach einzelnen Worten. Nur wenig Distanz, der Raum war klein, beengt, man war sich nah, spürte und hörte den Atem, sah kleine Schweißperlen auf der Brust, auf den freien Armen und Schultern. Sie löste etwas aus. Traf einen Nerv. Stellte was dar. Verkörperte für mich unterbewusst etwas, jemanden.
Begierde.
Ich ging einen Schritt zurück, setze mich, sah sie ganz vor mir stehen, etwas frech, angelehnt an das Hochbett, die Beine leicht überkreuzt, die Arme angewinkelt, den rechten vor ihrer Brust, den linken auf das Bett gestützt griff sie sich in die Haare und beobachtet mich genau. Was machst Du in Usbekistan? fragte sie. Was ist dein Beruf? Ich spürte wie ihre tief brauen Augen mich von oben bis unten musterten, durchdrangen. Ich wurde schwach.
Sie machte keinen Anschein wieder aus der Kabine zu gehen, ich kam nicht an ihr vorbei, deutlich stellte sie sich vor die Türe, zeigte sich in ihrer ganzen, selbstbewussten Art, ich begutachtete ihr Kleid, es gab den Blicke frei auf ihre nackten Beine, kräftige, deutlich definierte Beine, eine helle, glatte Haut, feine Äderchen an den Knien, an den Fesseln, zart.
Sie verkörperte die volle Weiblichkeit, die Lust, die Begierde, fordernd und gebend.
Es ist die vollkommene Kunst zu locken, sich anzubieten und doch erobert werden zu wollen, zu vermitteln erobert werden zu müssen ist die höchste Kunst.
Sie zog sich einen Schritt zurück, ging näher zurück zur Türe, lehnte sich mit dem Rücken dagegen, verschloss sie. Sie wusste, dass jeder weitere Schritt auf sie zu, ein Eingeständnis wäre, eine Zustimmung, eine Aufforderung. Sie war die Chefin, sie gab nun den Takt, sie gab vor was sie erwartete, was sie wollte, was ich durfte, was ich sollte. Mein Puls stieg, er pochte, ich sah sie und wusste wen sie für mich verkörperte. Ich wollte sie.
Das Gefühl zu nehmen, genommen zu werden, Inbrunst, tiefes Verlangen, plötzliche unablässige Gier, alles zu spüren, zu riechen, zu fühlen, es kam unaufhaltsam näher.
Rochade, ich stehe auf, ging einen Schritt auf sie zu, unsere Blicke hafteten aufeinander, die Distanz wurde immer kleiner. Sie wusste dass jeder Schritt auf sie zu, mich binden, mich an sie fesseln würde, es waren Tentakeln die mich zogen, unweigerlich. Fleischeslust.
Ich beugte mich vor, sie lies mich näher kommen, wohlwollend ihr Blick, wartend, sie reckte sich leicht, lies mich an ihre Seite, strich ihr Haar zurück und ich küsste ihren Hals. Ihre Lippen öffneten sich…..

Jetzt käme dann die Stelle mit dem Küssen, dem heißen Atem, dem zittern, dem Kleid hochheben, den Slip auszuziehen, wie ich mir dann die Klamotten vom Leib gerissen habe, ihre Haut spürte, wie Ihr Herz auf meine Brust spürbar schlug, wie sie leise russische Liebkosungen aussprach, das Schiff bebte und wir in dem gleichmäßigen monotonen Geräusch der schweren Schiffdiesel, den großen Zylindern und dem rammen der Kolben in Trance auf den Boden sanken. Das könnte ich noch etwas ausschmücken. Da könnte man sich die Finger nach lecken.

Und ehrlich ich habe dabei nur an Dich gedacht.

Aber leider ging es nicht so weit, ging sie weit vorher raus, kam mit kasachischen Tenge, umgerechnet 7$ zurück, schaute mir dann tatsächlich noch mal tief in die Augen und sagte; mehr gibt es nicht, wir sind auf hoher See. Es war alles nur ein Traum.
Unpassend? Unpassend in einem Tagebuch?
Nein. Denn real. Ich, wir Reisende sind Wochen, Monate teils Jahre unterwegs, an was denkt ihr, denken wir? Was vermissen wir oder würden wir angenehm empfinden?

Mittwoch (Weiterhin) nur zur Erinnerung den 17.7.2019 werdet wieder wach, wir sind in Kasachstan, in dem abgelegen Hafen, im fast Niemandsland, angekommen.

Die Zollformalitäten waren einfach, gingen schnell. Muhammat deutet auf den Zoll, auf die Waage und ich solle draußen einfach auf ihn warten.

Donnerstag den 18. Juli 2019 Kuryk

Die Nacht habe ich im Zelt vor der Abfertigung, vor dem Zaun verbracht.
20 Stunden später kommt Muhammat dann raus gefahren und sagt „Dawei“ es ging tatsächlich los. Zwischenzeitlich war ich doch etwas nervös. Das Fahrrad und ¾ des Gepäcks wurden auf den Trailer geschnallt, ich kletterte auf den Beifahrersitz und mein Fahrer zeigte bedeutungsvoll auf die Uhr, die Straße und gab mir zu verstehen, ab jetzt gibt es keine Pause mehr. Dawei.

Für alle die, die es bis hierher ausgehalten haben, jetzt kurz (3441 Wörter waren bis hier hin  ) Bina Du bekommst dann irgendwann die Hörbuchversion und Klaus ich weiß Du hättest sie rumgekriegt und genommen, aber ich lerne ja noch,
und nebenbei… ich habe mir den Spaß gegönnt ein paar Leute einfach wieder aus dem Verteiler zu streichen, denn sie werde es eh nicht merken.

Der Truck.

Es war nicht nur die beste Entscheidung einen LKW zu nehmen, es war ein unglaubliches Glück und ich bedanke mich von ganzen Herzen.
1600 Kilometer insgesamt, über 45 Stunden reine Fahrzeit, zwischen 40 bis 50 °Grad Außentemperatur, extrem schlechte Straßen und teilweise Abschnitte über 200 Kilometer ohne eine Versorgungsstelle.
An der Grenze Kasachstan / Usbekistan musste ich aussteigen, mein Rad nehmen und alleine über die Grenze fahren. Das war wieder außergewöhnlich unkompliziert, schnell und als Tourist wurde ich der Schlange vor kasachischen und usbekischen Reisenden, oder Händlern bevorzugt abgefertigt.

Hinter der Grenze wartete ich wieder 18 Stunden bis man Muhammads Lkw abgefertigt hatte und er raus kam.

Es ist kaum zu beschreiben wie die Fahrer leben, leben müssen, was sie sich antun, körperlich, seelisch, wie sie aufrichten, unterhalten, sich die Bilder ihrer Kinder, die Filme über ihr Mobiltelefon anschauen. Was und wie sie essen, schlafen und den ganzen Tag auf dem Bock hocken. Hart. Es war verdammt hart und ich war nur drei Tage mit einem unterwegs.

Stundenlang auf dem Bock. Stundenlang blickte ich in die Unendlichkeit der Steppe, der Wüste.
Das war der Moment in dem ich entschied eine Geschichte um Noschka zu schreiben. In den Erinnerungen, die Bilder die ich damit verbannt, Wunschgedanken an vergangene Zeiten, an wunderschöne Erinnerungen. Es sind Wertschätzungen.

Bhukara:

Muhammad hat mich bis nach Bhukara gebracht, versprochen war versprochen, etwas mehr Vertrauen, während der unbestimmt langen Wartezeit, kommt er wieder, geht es irgendwann weiter, hätten mir gut getan, auch daraus habe ich gelernt.

Jetzt bin ich in Bhukara. Usbekistan kenne ich von meiner Reise 2011 noch ganz gut. Aber vieles hat sich hier gewandelt, weiter entwickelt, ist touristischer, moderner, teurer geworden.
Selbstverständlich, Maggy, bin ich wieder ins Hamam gegangen, vielleicht gehe ich noch mal, auch wenn es dort nicht mehr so aufwendig zelebriert wird, die Sauna nicht mehr so heiß und der Tee nicht mehr in der Ruhe genossen wird wie damals.

Ich bin versucht bald ein neues Kapitel aufzuschlagen,
die 3 Etappe als beendet, als vollendet, anzusehen.
Mal schauen, fühlen wie weit ich bin.
Ein gab wieder eine Fahrt mit einer Fähre, diesmal über das Kaspische Meer, wieder eine Fähre, wieder eine Überfahrt. War der Wandel der Vegetation, der Atmosphäre, der Ausstrahlung der Kulturen über Land langsam, so schlug es jetzt heftig zu. Ein großer Sprung, eine weitere Stufe, einen Schritt weiter, tiefer nach Asien, in den Osten.
Vorder-Asien deutlich, deutlicher sind die Unterschiede, das asiatische, Mongolen, Uiguren, Usbeken, Tadschiken, Kasachen, die Haut, der Teint ist dunkler, die Gesichter, Augen zu feinen Schlitzen geworden.
Usbekistan ist mir noch gut bekannt, Tadschikistan liegt nun vor mir, auch Tadschikistan kenne ich noch von meiner Reise 2011, es war ein wichtiger Wendepunkt der Strecke und in meinem Leben, es hatte starke, einschneidende Einflüsse.
Ich will sehen wie mich diesmal die gewaltigen Berge, Hochplateaus, der Pamir, die Schluchten und er gewaltige Pantsch, der Amur Darja beeindruckt, prägen wird.

Aber das kommt erst später


https://www.youtube.com/watch?v=EuuNYV4BKOA

https://www.youtube.com/watch?v=X6bsoyT86LE

am Kaukasus nach Baku

Die letzten Tage waren nur durch den Willen vorwärts zu kommen, Zeit auf zuholen, zum Leidwesen der nicht gesehenen kulturellen Sehenswürdigkeiten, nicht gesehener Zeugnisse früher Menschheitsgeschichte, vieler unterschiedlicher, atemberaubender Naturansichten und dicker Beine gezeichnet.
Mein Mitfahrer zieht mich, drängt mich und es zieht mich über die Berge, es hilft mir, es gab mir Biss und Durchhaltevermögen. Über vierhundert Kilometer und ein paar tausend Höhenmeter.
Ich akzeptierte, ohne Widerwillen, ohne Widerstreben dieses Tempo. Es kam mir zu Pass, denn meine Zeitplanung hängt gewaltig hinterher.

Wie soll ich in 14 Tagen in Samarkand sein? Es ist nicht zuschaffen, nicht fahrerisch, nicht von den noch zufahrenden Distanzen.
Doch ich werde versuchen da heranzukommen. In Kasachstan und Usbekistan werde ich gute 1800 Kilometer LkW und Busse zu Hilfe nehmen.
Der August sollte für den Pamir sein, der September für China und dann der Oktober für Pakistan, das Visum steht noch aus. Warten wir es ab. Es wird schon irgendwie klappen.

Jetzt bin ich in seit gestern Abend, nach einer über 100 Kilometer langen Fahrt in Baku. Das war mal nicht ohne. Stundenlang ging es durch die trockenen, heissen, steppenartigen, Ausläufer des Kaukasus. Nichts ist mehr übrig von den saftigen Wiesen, den dichten Wäldern an den steilen Hängen. Es war staubig, heiss und trocken.
Seit heute Morgen sitze ich an Briefen, Datensicherung, Sichtungen von Bildmaterial und nun an dem Tagebuch.
In zwei Stunden will ich aber raus und etwas von der Stadt sehen.

Aserbaidschan
Was habe ich denn nur gedacht, welche Vermutungen hatte ich, wie stellte ich mir das Land vor? Viel habe ich nicht gesehen.
Ich bin entlang des Kaukasus gefahren, hatte die Ausläufer, die grünen Hänge steil, tief eingeschnittene Täler immer links von mir, überquerte breite, steinige Wasserstraßen, Erosionen, Geröllhalden hunderte Meter in ihrem Delta breit. Und durchfuhr immer wieder wunderbare Straßen, die sich um natürlichen Ränder der Hügel und Berge wunden. Satte Felder bewässert aus unendlich vielen kleinen Kanälen. Das Wasser geleitet aus den Höhen, abgeleitet aus den Flüssen, in Betonröhren geführt, geteilt und immer wieder geteilt, zu kleinen Bächen, Rinnsaale dann gegraben.
Die Früchte angepriesen am Wegesrand, Säfte, gelierte Massen, eingelegte Gemüse, frische, geschmackvoll, für die Augen und Gelüste farbenfroh und stimulierend präsentiert.
Ich kenne nur den nördlichen Teil Aserbaidschans, habe nur die fruchtbaren Böden gesehen, Alleen aus uralten Eichen, Buchen und Kastanien, goldfarbende Felder, abgeerntetes Getreide, Strohballen, Tabakpflanzen, Haselnusssträucher in riesigen Plantagen, Weinbau und allzeit und überall werden Melonen angeboten.
Die Menschen hier, die Männer hier bevölkern gerne schattige Plätze, trinken Tee, Chai, reden, spielen Backgammon, Domino, Karten, rauchen dünne, schlanke Zigaretten, treffen sich in KAFE, wo es keinen Kaffee gibt sondern Chai gibt, trinken Bier aus halbliter Krügen und gehen mit der ganzen Familie gerne zu einem der unzähligen Picknickplätze unter den kühlen Blätterwerken.
Touristen werden begrüßt, eingeladen, befragt, zur Nationalität beglückwünscht.

Es war schön die letzten Tage hier durchzuradeln.
Die Abwechslung, die Freundlichkeit, die vielen neuen Eindrücke, die wunderschöne Landschaft, Teepausen, leckere Kleinigkeiten, das gute Obst hat es mir erleichtert täglich hunderte Höhenmeter zu meistern. Jeden Tag wurde es für mich etwas besser, etwas leichter, gewöhnte ich mich an die niedrigen Gänge, den ruhigen, langsamen Tritt, gewöhnte ich mich an die Hitze, lernte mit ihr umzugehen.
Trinken und pausieren. Sechs Liter während des Tages, gerne weitere 2 Liter zum Abend.

Aus Lagodechi, Georgien ging es vollkommen unkompliziert nach Aserbaidschan nach Qax, einen Tag später nach Oguz, dann nach Ismayilli, nach Qobustan und dann blieben heute nur noch 105 Kilometer bis nach Baku. Das lohnte sich nicht mehr auf zu teilen- und es hätte sich auch nicht mehr teilen lassen.
Bis auf eine kleine Teestube gab es auf der ganzen Strecke über 80 Kilometern keine Versorgungsstelle, und das bei weit über 30 ° Grad, vielleicht auch gute 36° Celsius, durch einen gefühlten Glutofen. Die Landschaft hat sich in den letzten beiden Tage so extrem gewandelt, von dicht bewaldeten, satt, grünen Hängen, durch riesige Obstplantagen, zu den Getreidefelder und dann immer trockener werdender Steppe.
Es war faszinierend.
Aufwendig und anstrengend dann die letzten 30 Kilometern lange Einfahrt nach Baku…, dichter, hektischer Verkehr und eine Luft zum schneiden.
Aber das ist Baku, eine knappe drei Millionen Stadt. Hier trifft Not, Armut, Einfachheit auf Reichtum, uralte, gewachsene Strukturen auf Moderne, kleine Handwerksbetriebe, große Werke, marode und florierende Gewerke, Aufwärtsstreben, mondäner Nationalismus, symbolträchtige Bauwerke und Machtsymbole.

Die Putzfrau und Haushälterin hier in meinem Hostel, eine Türkin, mit ihren mindestens 500.000 Worte Anschlägen am Tag, ihr Geplärre durchdringt alle Wände, seit den frühen Morgenstunden quatscht sie, ruft den einen oder anderen, spricht mit dem Badezimmer, mit der Wand und jetzt mit dem Portier, vertreibt mich hier.
Ich habe keine Lust mehr… nun gut so komme ich ein paar Stunden vorher hier raus.

Baku
Aserbaidschan
13.7.2019

Lagodechi 7.7. 84 0
Qax 8.7. 85 85,21
Oguz 9.7. 86 82,6
Ismayilli 10.7. 87 95,68
Qobustan 11.7. 88 91,53
Baku 12.7. 89 104

gefahren seit Passau 3884,24 Kilometer seit Köln 5084,24 Kilometer

und die Musik…die Melodie passt zu den Gefühlen, zu den Emotionen, zu den Bergen, den langen, schnellen Abfahrten…dem Verkehr, den tausenden Lada 1600